Die positiven Aspekte einer Wurzelbehandlung

Das konnte ja nichts werden: Mein Smartphone lag ohne jeden Saft in der Ecke, draußen war es am Regnen und kein Car2Go weit und breit. Nach dem langen Marsch zum Mietwagen ging es dann zur U3, um endlich – NICHT mit der U-Bahn zu fahren, sondern den Schienenersatzverkehr zu bemühen. Kann ein Samstag schlechter beginnen?

An der Feldstraße wurde der Kreativabteilung des KSC („Scheiß St. Pauli!“) von den Grünen der Weg gezeigt, während ich endlich dazu kam, mein wohlverdientes Frühstück „mit allem“ bei Emmioglu abzuholen und auf dem Weg zum Stadion zu verschlingen. Die Schlange vor dem Stadion war heute überraschend kurz, gleiches galt für die Astratheke. Die unteren Ränge der Gegen waren heute mal komplett leer, was wohl nicht zu Letzt am Wetter lag. Trocken ist einfach schicker. Und dann waren alle schlechten Omen wieder vergessen, als – mit zögern – die Musik der Gastmannschaft ertönte.

Das ist mein St. Pauli: Gut gelaunt bis zur Selbstaufgabe
Man kann der Soundanlage nur zu ihrem guten Geschmack gratulieren, dass sie sich zunächst standhaft weigerte, dieses Machwerk zu spielen: Eine Mischung aus Dieter Bohlen der 80er Jahre und Helene Fischer erschallte da am Millerntor. Eine Musik so grottenschlecht, dass nicht einmal die eigenen Fans bereit waren, sie mitzusingen. In völliger Verkennung der gesundheitlichen Risiken war südlich ein deutliches „ZUGABE“ zu hören: Das ist mein St.Pauli: Gut gelaunt bis zur Selbstaufgabe.

Hells Bells wollte allerdings auch nicht so wirklich in die Pötte kommen. Aber ich weigerte mich zunächst, das als schlechtes Omen zu sehen. Zu sehr habe ich mich darauf gefreut endlich mal wieder einen verdienten Heimsieg zu sehen. Und eigentlich fing auch alles ganz ordentlich an: Die Boys in Brown waren gefährlich vor dem gegnerischen Tor, nutzten nur ihre Chancen nicht. Leider hielt das nur gute fünf Minuten an. Gerne würde ich ja alles auf den Schiri schieben: Das erste Gegentor war gleich doppelt unverdient: Zum einen war der Freistoß keiner, zum zweiten war es auch noch Abseits. Aber – leider – war das nur die spitze des Eisbergs: Vor allem krasse Abwehrfehler luden die Karlsruher ein ums andere Mal ein. Aber auch der Angriff war pomadig: Man könnte meinen, der Trainer hätte die Devise ausgegeben, das Ergebnis zu halten: Angriffe wurden fast schon mutwillig abgebrochen, gute Chancen nicht genutzt.

 

Als Fan unterstützt man seine Mannschaft bis zum Ende. Schlimm nur, wenn man sich diese Weisheit Mantra-mäßig selbst immer wieder sagen muss, um nicht verzweifelt in der Halbzeitpause das Stadion zu verlassen
Ein Blick auf die Trainerbank, bzw. vielmehr davor zeigte aber deutlich: Das, was da passierte war ganz und gar nicht nach Meggis Geschmack. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich wohl selbst eingewechselt. Die Halbzeit-Auswechslung von Nöthe, der eigentlich nur als Bremse aufgefallen war, war mehr als Konsquent. Deutlich besser wurde es dennoch nicht. Als Fan unterstützt man seine Mannschaft bis zum Ende. Sowieso. Schlimm nur, wenn man sich diese Weisheit Mantra-mäßig selbst immer wieder sagen muss, um nicht verzweifelt in der Halbzeitpause das Stadion zu verlassen.

Lediglich Ratsche hatte – wenn auch nicht nur positive Szenen – so doch deutlichen Einsatz zu bieten. Er war eigentlich ununterbrochen nur am grätschen und kämpfen. Die gelbe Karte wegen Meckerns gegen ihn war natürlich ebenso falsch, wie der Freistoß, der zum 0:1 führte.

Irgendwann fingen die „Boys in White“ dann sogar an zu spielen. Und zwar richtig gut. Leider war das schon die 60ste Minute und hielt auch nicht bis zum Ende an, so dass die Niederlage konsequent und auch hochverdient war. Selbst das Ergebnis fiel mit 0:4 maximal ein Tor zu hoch aus.

 

Wenn sie Dienstag Borussia Dortmund zweistellig weghauen bin ich wieder versöhnt.
Was nehm ich nun mit aus dem Spiel? In erster Linie, dass es schönere Dinge gibt, mit denen man seinen Samstag Nachmittag verbringen kann: Eine Wurzelbehandlung zum Beispiel. Kurz – aber nur sehr kurz – konnte ich mich in die Gedankenwelt eines HSV-Fans versetzen, der zusehen muss, wie seine Gurkentruppe auf dem Platz versagt. Was nehm ich noch mit? War ein Ausrutscher. Am Trainer liegt es garantiert nicht, und die Mannschaft hat auch schon bewiesen, dass sie es eigentlich besser können. Wenn sie Dienstag Borussia Dortmund zweistellig weghauen bin ich wieder versöhnt. Hoffen wir mal, dass nur der Gedanke ans DFB-Spiel die Beine unserer Jungs so schwer gemacht hat. Und wenn alle Stricke reißen können wir ja immer noch Deniz Naki zurückholen… 🙂

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.