Schall und Rauch

So richtig leise ist das Millerntor ja eigentlich nie. Aber dass ich anderthalb Stunden vor Anpfiff an der Feldstraße die Fangesänge aus dem Stadion hören kann habe ich allerdings noch nicht erlebt. Müsste mal Opa fragen, ob der sich an sowas erinnern kann. Besser geht es eigentlich gar nicht in Sachen Einstimmung: Lauter gut gelaunte Gesichter zwischen den bereits aufgestellten Dom-Buden. Auch ein paar gelbe Trikots waren zu sehen, in freundschaftlicher Rivalität zwischen all den meist eher dunkel gekleideten Fans.

PFUI St. Pauli!
Vor dem Einlass gab es dann die erste Erkenntnis: Die Eier frieren ab Es wird Winter! Selbst das eng gekuschelte Anstehen (ob die Anderen nun wollten oder nicht), konnte nicht über diese Tatsache hinweg täuschen. Nach dem grünen Licht ging es dann schnurstracks zur Astra-Theke, vor der überraschenderweise nur wenige Fans warteten. Vermutlich mochte dies auch daran gelegen haben, dass man sich standhaft weigerte mir Glühwein auszuschenken. In meinen Augen ein klares Zeichen für mangelnde Kundenorientierung. PFUI! St. Pauli!

 

Ich wünsche mir, dass es deshalb war, weil der Kerl eins auf die Mappe bekommen hat.
Apropos, Pfui: Ich will schnell noch los werden, was mich ca. 90 Minuten lang tierisch genervt hat. Als erstes war dies ein unfähiger Werbefuzzi(), der hinter mir auf der GG stand und ununterbrochen gelabert hat. Pausenlos. So Sachen wie „Eigentlich sind die ja schon abgestiegen“, „Das wird diese Saison ohnehin nix mehr“, „die kommen da unten nicht mehr raus diese Saison“. Ich fand ja anfangs, er gehe mit Borussia Dortmund etwas sehr stark ins Gericht, als er dann aber sagte, dass der „neue Trainer nix kann“ musste ich erkennen, Klopp war gar nicht gemeint. Das ist eben der Nachteil von solch speziellen Spielen: Es kommen auch Leute ins Stadion, die man dort (zum Glück) eher selten sieht, bzw. eben hört. Genauso wie dem Volldeppen, der weit oben stand und jedes Mal, wenn Shinji Kagawa vor uns auftauchte lautstark „Muschi, Muschi!“ rief. Respekt: Sexistisch und rassistisch in eigentlich nur einem Wort: Kann nicht jeder. Traut sich auch nicht jeder. Vor allem am Millerntor. Fand übrigens genau einer witzig. Irgendwann hörte das auf. Ich wünsche mir, dass es deshalb war, weil der Kerl eins auf die Mappe bekommen hat.

 

Das erste Tor eines Paulianers fiel ja schon vor dem Anpfiff
An einem anderen Tag hätten die Gestalten es vielleicht geschafft, mir die Laune zu versauen, aber das klappte diesmal nicht. Ja: Ich hatte tatsächlich geglaubt, wir könnten Dortmund vielleicht schlagen. Aber das war eben ein fast schon religiöses Glauben. Eben so wie bei anderen Fanatikern Gläubigen, die darauf hoffen, dass Gott (bzw. Allah, Buddha oder das fliegende Spaghettimonster) ihren Wagen schon irgendwie sanft landen lassen, nachdem sie in einer engen Gebirgskurve die Leitplanke durchbrochen haben. Und das lag diesmal zum einen daran, dass unsere Jungs einen extrem guten Fight geliefert haben. Fair, aber doch mit dem Dolch zwischen den Zähnen vor allem in der zweiten Hälfte zeitweise ein würdiger Gegner. Es war klar, dass wir einer Mannschaft, die in der Champions League derzeit alles weghaut nicht gegen die Wand spielen würden, aber das war schon ganz ordentlich. Mit der Leistung gegen den KSC hätte man auch eine richtige Klatsche erwarten können. Ein Tor hätte es natürlich ruhig sein können, aber sonst gab es nicht all zu viel zu meckern. Wobei: Das erste Tor eines Paulianers fiel ja schon vor dem Anpfiff. Tolles Ding, Fin!

 

Tschüss, Nord. Wir werden Euch vermissen
Der andere Grund, warum das Spiel trotz der Niederlage ein richtig tolles Erlebnis war lag an den Fans, vor allem in Nord, Süd und Gegen. Von den paar bereits erwähnten Spacken mal abgesehen war das eine extrem geile Nummer. Auch wenn Transparente wie „Heute Choreo!“ auf mich zunächst extrem skurril wirkten, als hätte da jemand „Putenschnitzel 2 Euro 50“ aufgehängt. Auch bin ich mir noch etwas unsicher, was ich davon halten soll, dass die Choreo-Organisation in die Becherpfand-Konkurrenz zur Viva con Agua tritt. Davon aber völlig losgelöst: Das war richtig geil, was die Jungs und Mädels da auf die Beine gestellt haben. Was da auf der Süd flatterte, kann sicher die Queen Mary durch die Weltmeere segeln lassen.

War sonst noch was? Ach ja: Die Bengalos. Das war ja fast schon erschreckend gesittet, wie das abging. Das kenn ich ja gar nicht; Noch dazu in der Halbzeitpause. Da lohnt es ja kaum eine Strafe auszusprechen, lieber DFB… 🙂
Und natürlich: Tschüss, Nord. Wir werden Euch vermissen, wenn auch der Blick auf den Bunker sicher seinen eigenen Reiz haben wird.

 

P.S: Das grandiose Foto hat Lars Lou Cifer gestiftet. Danke dafür. 

 

 

 

 

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.