Ganz schön lang fürs erste Mal…

Nun habe ich es also auch hinter mir: Meine erste Mitgliederversammlung des FC St. Pauli. Kommt ja selten genug vor, dass ich mir am Sonntag den Wecker stelle, aber diesmal schien es mir den Aufwand wert. Mitten in der Nacht war ich dann um halb zehn auf dem Weg ins Hamburger CCH. Bewaffnet mit allerlei elektronischem Spielzeug (Smartphone, Kamera, Tablet, Notebook) um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, nix zu verpassen und alles wichtige zu notieren. In den Katakomben der CCH-Parkgarage kamen mir aber erst einmal drei Schnösel in Hemd und Jacket entgegen. Bei näherem Hinsehen stellten die Drei sich allerdings nicht als Schnösel, sondern als John Verhoek, Christopher Nöthe und Marc Rzatkowski heraus.

Komplette Unfähigkeit zu vernünftiger Kommunikation
Leider nützte mir in diesem Moment meine ganze technische Ausrüstung reichlich wenig, denn die befand sich komplett in meinem Rucksack. Dies – und meine komplette Unfähigkeit zu vernünftiger Kommunikation führte zu folgendem Dialog.

Ich (erst im Fahrstuhl die drei erkennend): „Ach! Hi!
Die drei: „Hi
Ratsche: „Wie geht’s?
Ich: „Muss ja.

(Tür geht auf.) „Tschüss“ – „Tschüss“

Aber passt ja ins Bild. Als ich damals Stani damals(tm) bei „BOC“ getroffen habe, kam ja auch nur ein „Moin“ bei mir raus. Ich kann mir auch einigermaßen gut vorstellen, dass die drei einigermaßen froh sein, dass sie nicht all zu lange mit dem Typen mit drei (plus x) Tage-Bart, Kilometerlangen Augenrändern und noch halb am schlafen im Fahrstuhl stehen wollten…

Aber ich war ja auch nicht zum Smalltalk hier, sondern um als waschechtes Mitglied aktiv mitzubestimmen, weil selten die Chance so gut war, etwas Richtungsweisendes zu bewirken. Als einer von gut 1000 Mitgliedern habe ich nun mal deutlich mehr Einflussmöglichkeit als einer von Millionen bei irgendwelchen unwichtigen Europawahlen. Los ging es um elf, die Formalien waren erst eine halbe Stunde später geklärt. Stefan Orth hat seine Zeit als Präsident erst einmal Revue passieren lassen und dabei – naturgemäß vor allem an seine Erfolge erinnert. Dies war vor allem die finanzielle Erfolge, aber auch die externe Domwache und das Gewinnen der Techniker Krankenkasse, die man nach seinen Worten „vom HSV weggezogen“ habe, und die sich vor allem im Bereich Nachwuchsförderung und Kiezhelden einbringen wollen. Auch der Kampf um die Merchandising-Rechte gegen Upsolut erwähnte er ausführlich. Ein Thema, dass an diesem Tag noch des öfteren zur Sprache kommen sollte. Hierfür gab es kräftigen Applaus, wie generell die Stimmung ihm gegenüber im Publikum sehr wohlwollend war. Auch die Leute, die ihn „abgesägt“ haben, bemühten sich nach Kräften, seine Erfolge aufzuzählen. Was dann naturgemäß dazu führte, das von den Mitgliedern irgendwann die Frage kam, wieso man denn einen neuen Präsidenten braucht, wenn doch der Scheidende so gut sei. In die Ecke gedrängt kam dann die Sprache auf, dass es wohl vor allem Defizite in der Kommunikationsfähigkeit waren, die der bisherige Aufsichtsrat gesehen haben will. Auch traute sie ihm nicht zu, sich erschwerten Bedingungen in der Zukunft zu stellen.

Die anhaltende Diskussion führte dann auch zu einer Louis de Funès Einlage
Dann gab es einen der skurrilen Momente, die es wohl nur beim FC St. Pauli gibt. Ein Mitglied beschwerte sich lautstark, dass es ja wohl nicht angehen kann, so schlecht über jemanden zu reden. Dass erst die Nachfragen durch die Mitglieder den Aufsichtsrat zwangen konkreter – und weniger schmeichelhaft – zu werden war da wohl kurz ausgeblendet worden. Die anhaltende Diskussion führte dann auch zu einer Louis de Funés Einlage, als der Aufsichtsratschef Schulz erklärte, es habe nur Göttlich als Kandidaten gegeben und Orth darauf widersprach, dass er ja auch wohl weiter Lust gehabt hätte. Schulz Entgegnung, das wäre so besprochen worden, führte zu einem

Orth:“Nein!“,
Schulz:“Doch!“
Orth:“Boh!“

Gut. Der Wortlaut war eventuell ein klein wenig anders, aber für mich hörte es sich so an. Orths Selbstkritik, man hätte Meggi früher einsetzen sollen wurde genauso mit Beifall bedacht, wie seine Aussage, dass die Überzeugung „Kein Fußball den Faschisten“ auch gegen den DFB verteidigt wurde. In die gleiche Kerbe schlug die klare Kante gegen die Mopo, die mit dem „Es waren St. Pauli-Hools“ mal wieder ihre hetzerische Qualität bewiesen hatte. „Never change a winning team“ war seine Kernaussage und man merkte ihm deutlich an, dass er innerlich extremst enttäuscht war über die Entscheidung. Bei seinen Abschiedsworten „You’ll never walk alone“ stand dreiviertel des Saals und applaudierte ihm.

Zum Abschied bekam er sogar noch ein kleines Ständchen „Wer fährt Porsche und nicht Ford? Stefan Orth!“

Beim sogenannten Hamburger Sportverein hat man sich entschieden, kein Verein mehr sein zu wollen
Der Aufsichtsrat war mit sich ebenfalls im Reinen. Man habe „deutlich besser gearbeitet als der andere Hamburger Verein. Aber das ist ja auch keine Kunst“. Wo wir gerade bei Mordor sind: Der AFM hat zu einem (gerechtfertigten) Rundumschlag gegen Kühnes Jungs ausgeholt: „Beim sogenannten Hamburger Sportverein hat man sich entschieden, kein Verein mehr sein zu wollen, sondern ein vereinsähnliches Wirtschaftsunternehmen. Ich bin froh, dass es bei uns anders läuft. Bei uns braucht es keine „Edelfans“, die dem Boulevard ihre Meinung erzählen oder Sponsoren, die Werbebanden mit sozialen Engagement verwechseln“

Um Viertel nach Zwei kam dann auch endlich mal Oke zu Wort, bei dem mir vor allem seine roten Turnschuhe in Erinnerung geblieben sind. Gleich zu Beginn bedankte er sich bei den Fans, die nach Hannover gefahren sind, um sich den Nazis in den Weg zu stellen. Auch sonst ließ er keine Zweifel daran, dass er St. Pauli nicht nur als Fußballverein sieht, sondern auch das soziale Umfeld als wichtigen Kern erkennt, den es zu stärken gilt und der keine Bürde ist, sondern eine Chance. „Wir sind keine kickende Werbeunterbrechung“

Hoffen wir mal, dass das Merkelsche Syndrom nicht auch hier Anwendung findet
Und dann – da müssen alle St. Pauli – Fans jetzt sehr stark sein – hat er wortwörtlich den Spielern der ersten Mannschaft sein Vertrauen ausgesprochen. Hoffen wir mal, dass das Merkelsche Syndrom nicht auch hier Anwendung findet und wir die Jungs noch eine Weile behalten können. Kleiner Gag am Rande: Die Mopo brachte in dem Moment einen Artikel raus, dass der Verein evtl. Olivier Occean verpflichten wolle, als alle möglichen Entscheider gut sichtbar auf dem Podium saßen. Spannend, woher die Journallie da wohl ihre Quellen herhaben will.

Die Vizes haben bei mir übrigens einen durchweg positiven Eindruck hinterlassen. Insbesondere der Anwalt Reinher Karl hat mir extrem gut gefallen, weil er sich ohne Not dazu bekannte, dass – sollte der Verein das Merchandising wieder in den eigenen Händen halten – klar dafür aussprach, dass dann der Verein auch Einfluss auf faire Bedingungen nehmen muss. Eine Aussage, an der er sich messen lassen muss.

Es war für mich keine Überraschung, dass sowohl Göttlich, als auch seine Vizes mit großer Mehrheit gewählt wurden.

Beim neuen Aufsichtsrat gab es für mich durchaus ein paar Überraschungen. Vor allem, dass Uwe Boll sich komplett aus dem Rennen katapultiert hat, in dem er (blumig umschrieben) gegen USP und Co. wetterte. Dass er der Meinung war, dass bei Bengalos die Strafen direkt an die Verursacher weitergegeben werden fand nicht viele Fans im Saal. Fast konsequent bekam er dann auch lediglich gut 10% der Stimmen. Ich bin sicher, er hat sich da deutlich mehr ausgerechnet.

Wir haben eine extrem tolle Mischung aus sozialer Verantwortung und wirtschaftlichem Know-How bekommen
Drei meiner vier Wunschkandidaten (Gerrit Onken, Dr. Kai Scharrf und  Sandra Schwedler) haben es in den Aufsichtsrat geschafft. Zu Sandra Schwedler kann ich im übrigen nur sagen: „Dani für President“. Die Anwesenden werden den Satz verstehen… 🙂 Auch sonst gab es viel interessantes zu erfahren. Beispielsweise, dass die Tochter von Scharrf nicht ganz zufällig „Paula“ heißt. Wozu er noch ergänzend bemerkte: „Meine Frau muss ja nicht alles wissen“. Auch die Rede von Frank Tamaschke („Ich könnt kotzen!“ fand ich unglaublich sympatisch. Wenn auch nicht unbedingt als Bewerbung für den Aufsichtsrat geeignet. Die meisten anderen sahen es wohl ähnlich. Dass es der Pfarrer Martin Paulekun nicht geschafft hat, hat mich ehrlicherweise stark überrascht. Er war meine Nummer vier auf der Liste. Aber auch ohne ihn haben wir eine extrem tolle Mischung aus sozialer Verantwortung und wirtschaftlichem Know-How bekommen.

Vorausgesetzt, dass der sportliche Absturz diese Saison noch aufgehalten werden kann, haben sich die zehn langen Stunden im CCH gelohnt. Sollte der Abwärtstrend noch rechtzeitig gestoppt werden, für den Verein sehr positiv in die Zukunft. Ganz persönlich bin ich noch ziemlich froh, dass der NOlympia-Antrag die Mehrheit deutlich verfehlt hat. Auch Oke hat sich da deutlich positioniert. Man könnte meinen, er hätte mein Blog gelesen; So ähnlich waren die Argumente. Und auch, wenn ich eine „Verhaftung“ des Präsidiums zu dem Thema nicht befürwortet habe, so wünsche ich mir, dass das Engagement und der Ehrgeiz auch noch da ist, um kreative Aktionen gegen die Olympiabewerbung zu starten. Denn die Grundaussage, dass Olympia in erster Linie eine katastrophale Geldvernichtung ist, teile ich vollkommen.

War was wirklich schlecht heute? Ja: Zum einen die miese Currywurst. Was mir da für über sieben Euro (inkl. Getränk) aufgepappt wurde hätte ich im Stadion nicht akzeptiert. Und die lange Dauer, was aber wohl unvermeidbar war, schließlich aber zum Tagesmaximum an Parkgebühren führte.

Und P.S: Dank der heutigen Veranstaltung gibt es zwei Abteilungen, die ich mir auf jeden Fall genauer anschauen werde. Zum einen der sehr erfolgreiche Blindenfußball und zum anderen die nagelneue Abteilung Roller Derby. Habe ich extrem Bock drauf.

 

 

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.