Noli turbare circulos meos

In knapp zwei Wochen darf ich denn auch endlich zum ersten Mal wählen. Und ich rede nicht von so unwichtigen Dingen wie Landtags- oder Europawahlen: Nein: Der Mein FC St. Pauli hat mich aufgerufen, meine Stimme abzugeben, bzw. nicht nur eine, sondern gleich mehrere. Zum einen geht es da natürlich um den Aufsichtsrat und damit indirekt auch um den zukünftigen Präsidenten. Und die Auswahl war in meinen Augen selten so groß und gut, wie diesmal. Alleine neun Kandidaten haben die AFM-Stecknadel am Revers. Dies bedeutet keineswegs, dass meine Stimme automatisch an AFMler geht, aber selten gab es so eine gute Gelegenheit, einen Aufsichtsrat zu wählen, der St. Pauli wirklich im Herzen und nicht nur im Hirn trägt, wie diesmal.

Der FC St. Pauli kann in meinen Augen wieder etwas mehr FC St. Pauli vertragen.
Dabei will ich die Leistungen der sicher scheidenden Aufsichtsräte und des Präsidenten gar nicht schmälern: Ein finanziell erfolgreiches Jahr ist sicher nicht unbedingt sexy, aber eben doch wichtig. In Hamburg sollte man sich auch kaufmännisch auskennen. Auch – und vielleicht gerade – bei einem „etwas anderen“ Verein wie dem magischen FC. Dennoch: Der FC St. Pauli kann in meinen Augen wieder etwas mehr FC St. Pauli vertragen. Wie mit Boller in seinen letzten Spielen umgegangen wurde stößt mir immer noch sauer auf, auch wenn er schlussendlich mit den Höllenhunden ein Abschiedsspiel bekommen hat, gegen das der „Tag der Legenden“ wie ein Besuch im Småland wirkt. Auch dass Deniz Naki von vornherein kategorisch abgelehnt wurde gefällt mir einfach nicht.

Wir würden Deniz sofort wieder in unser Herz schließen, er hat es ja auch nie wirklich verlassen. 
Vielleicht passt er mit seiner Spielanlage nicht mehr in die Mannschaft, hat seine Qualitäten verloren oder ist einfach immer noch zu unbeherrscht: Weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass er zusammen mit Ratsche mächtig Alarm machen könnte. Ich glaube auch wirklich nicht, dass dies jetzt reine Fannostalgie ist: Klar; Deniz fehlt uns. Wir würden Deniz sofort wieder in unser Herz schließen, er hat es ja auch nie wirklich verlassen. Aber es ist eben auch mehr: Seine technische Qualität hat er nicht verloren, er ist immer noch relativ jung und würde sich zu 100% in seine Aufgabe stürzen. Vielleicht irre ich mich da auch. Fußballerisch bin ich nun mal eben Fan und kein Profi. Aber man sollte sich zumindest die Option offen halten es zu probieren, mit ihm zu sprechen, vielleicht eine Probezeit anzubieten. Das unmissverständliche Abblocken passt nicht zu meinem St. Pauli, zumal man ja kein finanzielles Risiko einginge.

 

Wenn jemand erklärt, er wäre Stolz auf etwas, insbesondere wenn es um seine Herkunft geht, kommt meist ja etwas unglaublich Dummes im Anschluss..
Ich hoffe auf eine extrem rege Teilnahme an der Versammlung, um auch klar zu machen, was uns von anderen Vereinen wie dem Spielzeug des Gummibärchensaftherstellers aus Österreich unterscheidet: Wir können mitreden, unsere Stimmen haben Gewicht und wir können etwas erreichen, was weit über den Fußball hinausgeht. Wir sind nun mal etwas anders. Wir sind kein „Kultclub“, wir sind ein Verein mit Menschen, denen nicht nur der sportliche Erfolg der Mannschaft wichtig ist, sondern auch, wie mit den Menschen im und um den Verein, sowie in und um unser St. Pauli umgegangen wird. Wenn jemand erklärt, er wäre Stolz auf etwas, insbesondere wenn es um seine Herkunft geht, kommt meist ja etwas unglaublich Dummes im Anschluss. Aber mich packt der Stolz manchmal auch. Wenn ich zu Fuß zum Stadion gehe und aus den Fenstern „Refugees welcome“ sehe. Weil ich weiß, dass dies keine Floskeln sind. Weil es ehrlich gemeint ist. Dann bin ich verdammt stolz auf mein St. Pauli, auch wenn ich eigentlich bloß ein Quiddje bin und auch noch in Hamburgs Spießer-Hochburg Bramfeld, weit weg von den Menschen auf St. Pauli wohne.

 

Während in Aachen die Rechten das Stadion erobern, können wir stolz auf unsere bunte Fankultur sein
Die meisten Leute auf der Gegengerade ticken eben einfach ähnlich. Natürlich gibt es – wie überall – auch bei uns leider intolerante Vollidioten, aber der prozentuale Anteil ist eben so herrlich gering. Und das ist – um mal wie ein Marketingfuzzi zu reden: Der Markenkern vom FC St. Pauli. Toleranz und soziales Engagement ist eben genauso wichtig wie fußballerischer Erfolg. Natürlich darf – und muss – am Millerntor auch Geld verdient werden. Aber es muss auch ein deutliches Engagement in sozialen Bereichen geben. So etwas wie „Viva con Agua“, ein gutes Projekt, gestartet von ehemaligen Spielern des Vereins hätte es in anderen Clubs nie geben können. Während in Aachen die Rechten das Stadion erobern, können wir stolz auf unsere bunte Fankultur sein. Und mit der Mitgliederversammlung am 16. November haben wir die Chance zu beweisen, dass dies funktionieren kann: Sportlich erfolgreich(er) zu werden ohne unsere Seele zu verkaufen.

Einige der eingebrachten Anträge finde ich im übrigen sehr vernünftig und unterstreichen diese Hoffnung. Nur die Sache mit (N)Olympia kann ich absolut nicht unterstützen.

Die Mitgliederversammlung möge beschließen, dass sich der FC St. Pauli bzw. die geschäftsführenden Organe des Vereins öffentlichkeitswirksam gegen eine Bewerbung der Stadt Hamburg um die Ausrichtung von Olympischen Sommerspielen aussprechen.

Ich bin mir relativ sicher, dass viele diesen Antrag unterstützen werden. Ich werde es nicht. Und nicht, weil ich so ein glühender Verfechter der olympischen Spiele in Hamburg bin: Nein, ich sehe das auch in erster Linie als eine gewaltige Geldverschwendung. Und wenn versprochen wird, dass Hamburg dafür keine Schulden aufnimmt, kann es ja nur bedeuten, dass an anderer Stelle gespart wird. Und gespart wird ja immer am liebsten bei den Schwächsten.

Ich finde aber, eine Entscheidung Pro oder Contra Olympia sollte jeder für sich selbst entscheiden. Und ein Befragung der Hamburger wird ja sicherlich kommen. Der Volksentscheid zum Rückkauf der Energienetze oder gegen die Seilbahn hat in meinen Augen gezeigt, dass dieses Instrument funktioniert, egal mit wie viel Geld die Gegenseite um sich schmeißt.

Wenn dieser Beschluss durchgewunken wird, ist die Wahlfreiheit weg. Insbesondere Aufsichtsrat, Präsidium und eigentlich alle, die direkt oder indirekt mit dem FC St. Pauli etwas zu tun haben, würden in geiselhaft genommen. Was passiert dann, wenn Olympia doch kommt? Muss der Präsident seinen Hut nehmen, wenn er anbietet, das Stadion für die Amateure zu öffnen oder sich positiv gegenüber Olympia äußert?

Es gibt Themen, da gibt es bei uns keine zweite Meinung: Wenn es etwa um Toleranz geht, kann es nur eine Richtung geben. Wer da anderer Meinung ist, hat bei uns nichts verloren. Aber bei Olympia darf jeder Einzelne im Stadion eine völlig unterschiedliche Meinung haben. Ich will ihn dann gerne von meinem Standpunkt überzeugen, aber seine Meinung ist ebenso gerechtfertigt wie die meine.

 

Sollten wir uns wirklich herausnehmen, für alle Hamburger zu sprechen? Egal ob auf der Veddel, Barmbek oder in Mordor? 
Und als letzten Punkt fände ich es ziemlich anmaßend, wenn wir uns da öffentlich positionieren. Es geht schließlich nicht um olympische Spiele auf St. Pauli, sondern um olympische Spiele in Hamburg. Sollten wir uns wirklich herausnehmen, für alle Hamburger zu sprechen? Egal ob auf der Veddel, Barmbek oder in Mordor? Ja. Es wäre öffentlichkeitswirksam, wenn sich der Verein gegen die olympischen Spiele ausspricht, aber es wäre keine gute Öffentlichkeit. Es stünde uns nicht gut zu Gesicht. Ich wünsche mir, dass viele Mitglieder sich gegen Olympia entscheiden, aber ich finde es wichtig, dass jeder auch seine eigene Wahl behält.

 

(Noli turbare circulos meos ist übrigens lateinisch und bedeutet „Störe meine Kreise nicht“. So steht es zumindest bei Wikipedia. Und ich muss das so dann glauben, denn meine Lateinkenntnisse beschränken sich auf Barbara Salesch („In dubio pro reo“) und Asterix („Alea iacta est“). Aber so eine lateinische Überschrift macht doch gleich viel mehr her und gibt dem Blog so einen intellektuellen Touch.

 

Das Beitragsbild stammt von Ingrid Eulenfan und ist CC BY-NC-SA

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.
  • Martin

    „Sollten wir uns wirklich herausnehmen, für alle Hamburger zu sprechen? Egal ob auf der Veddel, Barmbek oder in Mordor?“ schreibst du.

    Das ist schräg!

    Die Mitgliederversammlung des FC St. Pauli spricht für sich und kannn niemanden bevormunden. Die Diskussion im FC St. Pauli ist Teil eines Meinungsbildungsprozesses der in Hamburg in vielen Organisationen und Gremien stattfindet. Die JHV gibt eine Empfehlung ab gegen die Bewerbung oder auch nicht und kann damit auch Orientierung geben, für alle die noch unentschiedenen sind oder sich noch gar keine Meinung gebildet haben.

    Wohlgemerkt es geht um eine Stellungnahme gegen die Bewerbung. Sollte diese gewaltige Geldverschwengung nicht zu stoppen sein und Hamburg tatsächlich Austragungsort werden, müssen sich der Verein und seine Gremien eh neu positionieren.