Keine Pflichtveranstaltung

Seien wir mal ehrlich: In letzter Zeit war der Besuch am Millerntor oft kein Vergnügen. Man ging in erster Linie hin, um seine Mannschaft zu unterstützen, mit der Erwartung, dass einem vermutlich deswegen der Tag versaut wird. Es war eben eine Pflicht als Fan. Heute war es nicht deutlich anders: Zwar hatte ich nach dem Spiel gegen Ingolstadt eine leichte Hoffnung, dass der neue Trainer schon etwas bewirkt, aber so richtig dran glauben konnte ich noch nicht. Dann war heute auch noch absolutes Schietwetter, so dass ich mich ein paar Ränge weiter nach oben verzog.

Song Two fühlt sich ja so verdammt gut an, wenn man nicht zurückliegt. 
Das hatte ein anderes Umfeld als sonst zur Folge. Spannend ist, dass offensichtlich jedes Grüppchen einen anderen „Schuldigen“ auf dem Platz auserkoren hat. In dieser Truppe war es wohl Lasse Sobiech, der an allem Schuld ist. Die Stimmung für unseren neuen Trainer war überraschend positiv. Kein Gemecker weit und breit. Und als Ewald sich auch noch artig bei der Gegengerade „vorgestellt“ hat, war die Unterstützung sowieso schon mal fix.

Zum Glück hielt das Gemecker über Lasse nicht allzu lange an, denn bereits in der ersten Halbzeit führten wir eins zu null. Ich hatte ganz ehrlich schon vergessen, warum ich damals eigentlich angefangen habe, ins Stadion zu kommen: Nicht, weil ich die Mannschaft unterstützen will, weil St. Pauli auch eine Herzensangelegenheit geworden ist – das kam erst später – sondern Anfangs, weil es einfach nur geil war. Und was soll ich sagen? Die Erinnerung kam heute endlich wieder zurück. Song Two fühlt sich ja so verdammt gut an, wenn man nicht zurückliegt. Wie konnte ich das nur vergessen? Das fast im Anschluss in unserem eigenen 16er wieder wild rumgestochert wurde, war diesmal glücklicherweise nicht ganz so schlimm, weil ausnahmsweise mal nix passierte.

 

In Hamburg bleiben wir an Deck 
Ich hatte bei unserem „Glück“ in der aktuellen Saison ja fast damit gerechnet, dass eine Windböe den Ball direkt in unser Tor befördert. Nö. Heute liefs mal gut. Vielleicht brauchen wir ja sogar das Mistwetter, auch wenn der Stadionsprecher zu beginn der Saison „blauen Himmel“ entdeckt haben will. Da war er übrigens wohl der Einzige. Es hat sogar Bandenwerbung und Kameramänner umgepustet heute. Dem Wetter angemessen kann man nur zitieren: „… In Hamburg bleiben wir an Deck„.

 

Ich muss gestehen, ich habe in der Halbzeitpause noch damit gerechnet, dass wir uns mindestens einen Sieg erzittern müssten, evtl. sogar noch Punkte abgeben müssen. Das frühe 2:0 nach Wiederanpfiff schob die Ängste erst einmal wieder beiseite. Danach war irgendwie die Luft raus. Keine Ahnung, woran das lag, aber unsere Jungs ließen sich wieder hinten rein drängen und sahen in der Abwehr nicht wirklich gut aus. Auch das 3:0 machte die Sache kaum besser. Wie man mit so einem Vorsprung noch so unsicher aufspielen kann, versteh ich ehrlich nicht. Beim 3:1 kam sogar die alte Angst zurück, dass die Jungs das noch vergeigen könnten. So war der Abpfiff denn auch eine Erlösung.

 

„You’ll never walk alone“ war gefühlt nie so laut gewesen wie heute.  
Noch vor Spielende stand ein großer Teil der Haupttribüne. „You’ll never walk alone“ war gefühlt nie so laut gewesen wie heute. Die hätten gerne noch fünf Stunden auslaufen dürfen. Das hat endlich mal wieder richtig Spaß gemacht, sich am Millerntor nass regnen zu lassen. Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass wir immer noch auf einem Abstiegsplatz stehen und Aalen kein wirklich schwerer Gegner war. Und das wir da unten noch lange nicht raus sind. Stimmt alles. Aber Scheiß drauf: Ich geh mit dem guten Gefühl in die Feiertage, dass es endlich wieder bergauf geht.

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.