Menschlichkeit ist (k)eine Kunst

Vor über drei Jahren mussten Menschen aus ihren gewohnten Umgebungen fliehen. Auch wenn einige dies gerne so darstellen: Zweck der Reise waren keine Schrimps-Parties, sondern das nackte Überleben ihrer Familien. Ein paar hundert dieser Flüchtlinge haben ihren Weg nach Hamburg gefunden. Hier kämpfen sie nun nicht mehr um das Überleben, aber um eine menschenwürdige Unterbringung und die Chance, ein neues, friedliches Leben zu erleben. Während die Unterstützung der Hamburger groß ist, zeigte der Senat vor allem Anfangs Härte und reagiert mit Racial Profiling. Die Künstlergruppe Baltic Raw hat dann ein Crowdfunding-Projekt gestartet, um die bereits von Ihnen auf Kampnagel errichtete „Rote Flora“ Winterfest zu machen und einigen Flüchtlingen zumindest zeitweise eine menschenwürdige Behausung zu bieten. Unterstützt wurden sie dabei von der Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard. Die unorthodoxe Hilfe schlug in Hamburg medial hohe Wellen und mündete im (bisherigen) Höhepunkt, bzw. eher Tiefpunkt, als eine Politikerin der AfD eine Klage gegen Frau Deuflhard wegen der „Beihilfe zu Ausländerstraftaten“ angekündigt hat. Móka Farkas von der Künstlergruppe „Baltic Raw“ und Amelie Deuflhard waren so freundlich, mir einige Fragen zu dem Kunstprojekt zu beantworten.

Was hat Euch dazu bewogen, das Winterquartier auf Kampnagel in Angriff zu nehmen?

Móka Farkas: Zunächst die humanitäre Lage der Flüchtlinge. Wir haben erfahren, dass die Container in der St. Pauli-Kirche aufgelöst werden. Deshalb haben wir beschlossen einen – wenn auch kleinen – Ersatz dafür zu stellen.

War Euch von vornherein klar, dass Ihr das Projekt über Crowdfunding finanzieren wollt?

Móka Farkas: Ja, es war von Anfang an so geplant. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens: Da wir im öffentlichen Raum arbeiten, standen wir als Künstler immer in engem Kontakt mit der – allgemein gesagt – Zivilbevölkerung. In diesem Fall war die Crowdfunding-Kampagne ein Gradmesser dafür, ob die Hamburger auch aktiv ein Projekt mit Flüchtlingen unterstützen würden, oder nicht. Es gibt eine überwältigende Solidarität und Unterstützungsbereitschaft seitens der Hamburger Zivilgesellschaft.

Zweitens: Wir als Künstler kennen das Argument – oder besser gesagt die Stammtischparole – von der „Verschwendung von Steuergeldern“, womit politisch unbeliebte Kunstprojekte seitens der rechtsdriftenden Politik bekämpft werden. Dieses Gekeife wollten wir von Anfang an umgehen.

Wie waren Eure Erfahrungen mit dem Crowdfunding? Wie die Resonanz? War Euch von Anfang an klar, dass genug Geld zusammenkommen würde?

Móka Farkas: Nein, es war überhaupt nicht klar, ob die Gelder zusammenkommen. Die Resonanz war sowohl von der Presse, als auch seitens der Unterstützer überwältigend. Crowdfunding, diese neue Art der Projektverwirklichung ist eine sehr gute Vorbereitung,. Allerdings für die Projektentwickler auch eine sehr anstrengende Sache.

Wie lange hat es gedauert, bis die Kampagne erfolgreich war?

Móka Farkas: Sechs Wochen.

Amelie Deuflhard ist nun von der AfD verklagt worden. Hattet Ihr auch Kritiker während der Finanzierung der Kampagne oder danach?

Móka Farkas: Nicht in diesen Maßen. in der Anlaufphase gab es einige kritische Bemerkungen betreffend der Namenswahl der „Favela“ oder zu einigen Startnext-„Dankeschöns“. Dort, wo die Kritik konstruktiv war und die Argumente greifend, haben wir auch Kleinigkeiten geändert. Dafür ist die Anlaufphase vorgesehen. Die Zustimmung überwog in jeder Phase jedoch deutlich.

Was haltet Ihr von der Klage?

Móka Farkas: Die Kunst ist frei. Die Klage geht an unserem Projekt vorbei. Aktionskunst, die in gesellschaftliches Geschehen eingreift, mit dem Ziel etwas zu ändern, kann natürlich an bestehenden Gesetzen und Verhältnissen rütteln. Aber deswegen u.a. entstand sie ja auch. Kunst hat die Aufgabe neue Möglichkeiten aufzuzeigen. Deswegen ist sie auch frei.

Die Flüchtlinge im Kampnagel bekommen nun erst einmal sehr viel Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar mehr, als ihnen lieb ist. Habt Ihr damit gerechnet? Glaubt Ihr, dass die Flüchtlinge die Chance haben ein einigermaßen ruhiges Weihnachtsfest zu erleben?

Móka Farkas: Die Flüchtlinge haben sich selbstorganisiert zusammengefunden. Ich habe sie auf dieses Problem, dass sie im Fokus der Aufmerksamkeit geraten können, vorher aufmerksam gemacht. In der ecoFavela sind nur Leute, die dies auch aushalten. Natürlich ist auch die Kampnagel-Belegschaft von der Aufmerksamkeit betroffen. Allerdings unterstützt der größte Teil – von der Dramaturgie bis zu den Technikern – die ecoFavela. Für alle Fälle gibt es noch ein Not-Telefon.

Auch baltic raw ist sehr viel vor Ort. Wir fragen fast täglich die Gruppe nach Entwicklungen und wie es ihnen geht.  Wir rufen sie auch dazu auf, Grenzen zu setzen, wenn es nötig ist.  Weihnachten hoffen wir ebenfalls mit ihnen zu verbringen, obwohl ich sie noch nicht gefragt habe. Ich bin sehr gespannt, wie das in Afrika vonstatten geht.

Sechs Flüchtlinge müssen nun zumindest erst einmal nicht befürchten, im Winter zu erfrieren. Aber es gibt ja deutlich mehr Betroffene in Hamburg. Plant Ihr weitere Projekte? Kennt Ihr vielleicht andere Projekte, die unsere Leser unterstützen können?

Móka Farkas: Baltic raw plant erstmal keine weiteren Projekte, zumal wir mit diesem noch nicht fertig sind. Die ecoFavela ist nicht allein der Bau. Ziel des Projektes ist vielmehr den Flüchtlingen dort symbolisch „Staatsbürger- und Menschenrechte“ zumindest für diese Zeit zu verleihen. Die soziale Seite beginnt erst nach der Eröffnung. Meine Kontakte bewegen sich ausschließlich in der sogenannten „Lampedusa-Gruppe“ in Hamburg. Diese kann in jeder Hinsicht unterstützt werden. Sowohl mit Sach- aber auch mit Geldspenden (für Fahrkarten, Essen Medikamente) oder dem Anbieten von Schlafplätzen. Die Gruppe hat seinen Infozelt am Steindamm. Es gibt zudem zwei Konten, auf die gespendet werden kann.

Seht ihr eine realistische Chance, dass die Flüchtlinge Dauerhaft in Hamburg bleiben können?

Móka Farkas: Das kann ich nicht beurteilen. manchmal gibt es überraschende Wendungen, womit vorher niemand gerechnet hatte. das sollte nie ausgeschlossen werden.

Könntet Ihr Euch zu Weihnachten etwas vom Senat/den Hamburgern wünschen. Was wäre das?

Móka Farkas: Die Hamburger sollten in ihrer Mehrheit bleiben wie sie sind 🙂

Vom Senat würde ich mir Dialogbereitschaft wünschen. In der Diplomatie wechseln die Vertrauenspersonen auch ständig. Wäre schön wenn der Senat einen Vermittler finden würde und die Verhandlungen mit den flüchtenden Menschen wieder aufnehmen würde. Es ist großartig, dass menschen, die in einen rechtlosen Status geraten sind, sich organisieren und sich eine Stimme verschaffen. Andererseits ist es für eine demokratische Grundordnung nicht rühmlich, dass Leute privat versteckt werden müssen.

Wann entstand die Idee, die „Flora“ auch nach dem Sommerfestival zu nutzen?

Amelie Deuflhard: Bereits 2013 hat die Gruppe Baltic Raw mit der Kanalphilharmonie, einem Nachbau der Elbphilharmonie, das Festivalzentrum für das Sommerfestival gestaltet. Das Projekt kam bei unseren Zuschauern sehr gut an, deswegen hat Festivalleiter Andras Siebold sich entschlossen, auch 2014 wieder mit Baltic Raw zusammen zu arbeiten. Ziel der sommerlichen Installation war es ein stadtpolitisch umstrittenes und stark debattiertes Gebäude mitsamt der Diskussion in unseren Festivalgarten zu transportieren.

Die Idee der Nachnutzung entstand im Sommer 2014, als Aktivisten aus der Stadt mich fragten, ob wir Kampnagel nicht als Winterquartier für Lampedusa_Flüchtlinge öffnen könnten. Baltic Raw kam dann mit dem Vorschlag, das Kanalspielhaus Flora zur ecoFavela als Kunstraum und Winterquartier für Flüchtlinge umzubauen. Eine Idee, die so schlagend war, dass ich spontan zustimmte.

Die Künstlergruppe „Baltic Raw“ hat durch das Crowdfunding-Projekt „ecoFavela“ erst die Möglichkeit geschaffen, die „Flora“ winterfest zu bekommen. Was halten Sie von Crowdfunding als Plattform für kulturelle und soziale Projekte? Können Sie sich vorstellen, dass auch der Kampnagel zukünftig direkt das Medium Crowdfunding zur Finanzierung künstlerischer Projekte nutzt?

Amelie Deuflhard: Es gibt verschiedene Arten künstlerische Projekte zu finanzieren: etwa durch Förderung der Kulturbehörde, kleinere und große, private und öffentliche Stiftungen, Sponsoring oder eben auch Crowdfunding. Welche Art der Finanzierung die Richtige ist, hängt immer von dem jeweiligen Projekt ab. Bei der EcoFavela fanden wir es eine sehr gute Idee, gerade ein solches Projekt, das auch die Solidarität einer Gesellschaft verhandelt, von den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt finanziert wird. Und klar, natürlich kann ich mir vorstellen Crowdfunding zu nutzen um Projekte zu finanzieren. Ich finde allerdings, es sollten auch Projekte sein, die auf spezifische Weise der Allgemeinheit zu Gute kommen.

Sie mussten sicher davon ausgehen, dass Sie nicht nur Zustimmung für die Hilfe der Lampedusa-Flüchtlinge bekommen. Waren Sie dennoch über die Klage der AfD überrascht?

Amelie Deuflhard: Dass dieses Projekt spalten könnte, war mir natürlich bewusst. Ich ging auch davon aus, dass es politische Interventionen geben könnte. Allerdings habe ich nicht mit einer Klage gegen mich persönlich gerechnet und schon gar nicht von einer rechtspopulistischen Partei wie der AfD. Von daher: Ja ich war überrascht darüber.

Die Klage lautet auf „Verdachts der Beihilfe zu Ausländerstraftaten sowie des Verdachts der Untreue“. Ich muss gestehen, einen Paragrafen „Beihilfe zu Ausländerstraftaten“ habe noch nie irgendwo gelesen. Was halten Sie von der Klage und der Formulierung?

Amelie Deuflhard: Meines Wissens gibt es einen solchen Paragraphen auch nicht. Das klingt für mich nach einer Wortneuschöpfung der AfD, die einen knackiges Schlagwort für ihre Strafanzeige gesucht haben. Die Formulierung „Ausländerstraftat“ verdeutlicht wes Geistes Kind die AfD ist: nämlich rechte Populisten, die im Angesicht der kommenden Bürgerschaftswahl mit solchen Aktionen auf Stimmenfang gehen. Von daher ist die Formulierung „kreativ“. Die Klage schient mir hinfällig und ich gehe nicht davon aus dass die Staatsanwaltschaft der Sache nachgehen wird. Der zweite Vorwurf, die Veruntreuung öffentlicher Gelder kann ebenfalls nicht zutreffend sein. Ich wurde in meiner Position als künstlerische Leiterin von Kampnagel berufen um Kunst zu ermöglichen und die ecoFavela ist ein Kunstprojekt. Selbstverständlich kann ich für ein solches Projekt auch öffentliche Gelder ausgeben.

Gerade nach der Klage: Was haben Sie persönlich für Erfahrung mit den Bewohnern Hamburgs gemacht? Überwiegt die Unterstützung oder die Kritik? Gab es auch (beispielsweise in sozialen Netzwerken) beleidigende Reaktionen oder gar Schlimmeres?

Amelie Deuflhard: Es gab sehr viel Unterstützung aus der gesamten Republik, auch aus dem Ausland: Von Kollegen, KünstlerInnen, von Seiten der Politik, unserem Publikum, aber auch – und das hat mich sehr gefreut – von vielen Menschen die nicht aus meinem kulturellen Kontext kommen. Und es gab einzeln „kritische“ Mails, einige sehr wenige rassistische. Auf einigen Blogs tummeln sich aber leider auch Menschen mit rassistischen Ressentiments. Ich dachte früher immer das würde es in Deutschland nie wieder geben…

Die sechs Bewohner sind nun Teil eines Kunstprojekts. Und Kunst soll ja betrachtet werden. Sehen Sie die Gefahr, dass die Flüchtlinge „wie im Zoo“ begafft werden?

Amelie Deuflhard: Kommen Sie vorbei und Sie werden sehen dass das nicht denkbar ist. Das Projekt ist keine Ausstellung und die Flüchtlinge werden nicht ausgestellt. Die Idee des Projekt ist einen Ort zu schaffen in dem quasi unter Laborbedingungen anders über die Flüchtlingsproblematik nachdenken kann. Durch die Kleinheit produziert das Projekt keine Angst sondern Solidarität. Es ist einfach in einen informellen direkten Dialog mit den Bewohnern der ecoFavela einzusteigen.

Bei der ecoFavela geht es ja nicht ums Betrachten von Kunst, sondern um Dialog, Vernetzung, Kommunikation. Wir wollen voneinander lernen und uns zuhören.

Wenn ich durch Hamburg gehe, insbesondere auf St. Pauli oder dem Schanzenviertel, sind die vielen Plakate an Privatwohnungen „Refugees Welcome“ nicht zu übersehen. Es gibt also eine große Solidarität mit den Flüchtlingen. Kennen Sie Möglichkeiten, wie man sich finanziell oder auch persönlich engagieren kann, um das Projekt auf Kampnagel im Speziellen oder die Flüchtlinge im Allgemeinen zu unterstützen?

Amelie Deuflhard: Uns erreichen täglich Angebote für Sachspenden, die sehr hilfreich sein können. Wir würden uns aber auch über Angebote für Deutschkurse und andere Aktivitäten freuen. Geldspenden sind ebenfalls willkommen. Für die ecoFavela gibt es ein Spendenkonto. Von dem Geld kaufen sich die Bewohner die Dinge für ihren täglichen Bedarf: Essen, Arbeitsmaterialien, Kleidung, usw. Geld zum Leben ist nun einmal die Voraussetzung für eine gewisse Autonomie. Aber viel wichtiger als materielles Engagement ist die persönliche Beteiligung der Flüchtlinge. In der öffentlichen Diskussion werden die tatsächlich Betroffenen viel zu wenig eingebunden, immer über sie, aber kaum mit ihnen geredet. Wir müssen begreifen, dass Flüchtlinge keine Eindringlinge sind, sondern ein Teil unserer Gesellschaft! Ich denke für müssen Geben und Nehmen in Bezug auf Flüchtlinge neu definieren und als erstes mal exemplarisch das „Lampedusa-Problem“ lösen. Hamburg hat Platz für diese Menschen, die eine dramatische Flüchtlingsgeschichte hinter sich haben.

Die Flüchtlinge haben unbeschreibliches durchmachen müssen und sind in Hamburg nie richtig zur Ruhe gekommen. Glauben Sie dass es zumindest kurzzeitig eine besinnliche Weihnachten für sie geben kann, damit sie zur Ruhe kommen können?

Amelie Deuflhard: Das hoffe ich. Neben Móka Farkas wird auch der Künstler Bernd Jasper und einer unserer Mitarbeiter, der nahe dem Gelände wohnt, Weihnachten mit Ihnen verbringen und einen Tannenbaum gibt es auch schon.

Wenn Sie sich vom Senat und/oder den Hamburgern etwas zu Weihnachten wünschen dürften. Was wäre das?

Amelie Deuflhard: Die Stadt bezeichnet sich als Tor zur Welt, als weltoffene Metropole. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass Hamburg eine Vorbildrolle in Deutschland im Umgang mit Flüchtlingen einnimmt.

Vielen Dank für Ihre Antworten.

Wer seinen Beitrag leisten möchte: Der NDR bietet eine gute Zusammenfassung, wie man helfen kann. Weitere Informationen inkl. Spendenkonto gibt es zudem beim Refugee Welcome Center (deutsche Version am Ende der Seite). Und natürlich gibt es bei Baltic Raw und dem Kampnagel weitere Informationen zum Projekt.

 

Die Fragen wurden schriftlich beantwortet. Die Antworten wurden von mir weder gekürzt, noch inhaltlich verändert.

Das Artikelbild stammt von TanisMar1984. (CC BY-NC-SA)

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.