Choi wars! Wunderchoi!

Heute war der Hamburger Dom der mit Abstand furchtbarste Ort in Hamburg. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es sein musste, die Stimmung am Millerntor zwar hören, aber nicht erleben zu können. Denn die war von Sekunde eins an traumhaft. Gefühlt war zudem die Gegengerade heute so voll wie noch nie. Meinen Stammplatz konnte ich nicht einnehmen, da ich erst kurz vor Anpfiff den Weg ins Stadion fand. Wenigstens waren meine üblichen Verdächtigen in Ruf- und Prostnähe.

Die Aufstellung brachte einige Überraschungen. Dass Budimir nicht dabei sein würde war klar, hatte er doch heute erst bei der U23 gespielt und getroffen. Ratsche fehlte auch. Insgesamt war die Aufstellung ungefähr so konstant die der Trainerposten beim HSV. Mit anderen Worten: Da war vieles ungewohnt. Kyoung-Rok Choi beispielsweise. Den hatte ich zwar schon einmal bei einem Auswärtssieg gut spielen sehen, aber das war in der Vorbereitungszeit beim TuS Quickborn. Bis wir gegen so einen Gegner wieder spielen müssen, müssen wir noch so einige Male absteigen. Das werden wohl selbst die größten Pessimisten nicht erwarten. Auch Buballa und Sobota waren lange nicht mehr in der Startelf aufgelaufen.

Für mich erschien dies mutig, aber so ganz trauen wollte ich dem Braten nicht. Aber irgendwas musste wohl mal anders angegangen werden. Gegen die vermeintlich schwachen Gegner haben wir zu viele Punkte liegen gelassen, gegen die jetzt kommenden starken Gegner kann mans ja mal anders probieren.

Das ging ja mal sowas von auf
Machen wirs kurz: Das ging ja mal sowas von auf. Bereits in der neunten Minute machte Choi das, was irgendwie ja nie so richtig klappen wollte: Er machte den Ball einfach mal rein. Schnörkellos, trocken, mit dem „schwachen Fuß“ und einfach drin. Ja, was war denn da los? So einfach kann das gehen? Und es waren gerade mal gut eine Viertelstunde gespielt, als der Fortuna-Keeper vom eigenen Abwehrspieler abgeräumt wurde. Wieder war Choi gedankenschnell und semmelte den Ball rein. Auch Sobota durfte dann mal abschließen und besiegelte das Spiel schon vor der Pause. 3:0. Gabs das schon mal? Und wenn ja? War das damals schon Farbfernsehen?

Himmelmann konnte zeigen, dass wir heute doch einen Keeper benötigen
Am Anfang der zweiten Halbzeit wurds dann brandgefährlich. Auf einmal stand Benshop alleine vor Robin Himmelmann. Und der konnte dann direkt mal zeigen, warum wir heute doch einen Keeper brauchen. Phantastischer Reflex! Das 4:0 durch Buballa war extrem sehenswert. Und der Flankengeber war – wer hätte es gedacht: Choi. Hätte jemand ein Drehbuch schreiben wollen für einen neuen Spieler im Team: So in etwa hätte es ausgesehen. Waren die Boys in Brown (bzw. heute in White) nicht ohnehin schon die ganze Zeit drückend überlegen gewesen, spätestens hier war dem Gegner der Zahn gezogen worden. Gegenwehr Fehlanzeige. Die Choi-Show dauerte ganze 69 Minuten, bis Thy für ihn eingewechselt wurde. Bis dahin war er immer wieder kämpferisch und technisch auf der Höhe. Auch sonst war er meist auf Ballhöhe (und damit meine ich nicht seine Körpergröße 🙂 ).

Besonders gefallen hat mir, dass das Team weiter Lust hatte, nach vorne zu spielen. Zwischenzeitlich gab es mal wieder eine klassische „zu schön machen wollen“ – Aktion vor dem gegnerischen Tor, aber bei dem Spielstand kann man das verzeihen. Schlecht hat mir heute keiner gefallen. Und der klare – und verdiente 4:0 Sieg lag nicht primär an einem schwachen Gegner. Die waren nämlich zumindest in der ersten Halbzeit gar nicht wirklich schlecht. Aber unsere Jungs haben sie schlicht vorne aggressiv überrollt und hinten anständig dicht gehalten.

Vielleicht liegts einfach daran, dass die Fortunen kein richtiges Bier gewohnt sind.
Würde ich Spielernoten vergeben, wären eine menge Einsen dabei gewesen. Das Publikum verdiente noch das Sternchen oben drauf. Wie gut, dass man fürs Bloggen keine Stimme braucht. Das war grandios. Auch endlich mal wieder Zecken dabei. Die Düsseldorfer Ultras bekamen eine Menge Häme ab. Das hatte aber auch zwei Gründe: Zum einen haben wir so lange auf die Fresse bekommen, dass es gut war, auch mal auf der Siegerstraße zu sein. Vor allem aber haben die „Fans“ eine glatte Sechs verdient. Beim 2:0 flog neben anderen Gegenständen auch das Megaphon des Anheizers auf das Spielfeld. Beim 3:0 flogen sogar Bierbecher gezielt auf unsere feiernden Spieler. Es spricht für Kalla, dass er sogar diese „Flanke“ verwerten konnte und einen Becher wegfaustete. Mal ehrlich: Wie erbärmlich ist das denn? Vielleicht liegts einfach daran, dass die Fortunen kein richtiges Bier gewohnt sind.

Aber es hat Spaß gemacht, die Vollhonks mit „Wir wolln die Trommel hörn„, nachdem der Fansupport komplett nach dem 3:0 zum erliegen kam oder „Kölle Allaaf“ zu ärgern. Bezeichnend auch, dass nach Abpfiff die Fortuna-Spieler sich trotz Aufforderung von Bellinghausen geweigert haben, zu den eigenen Fans zu gehen. Und selbst Bellinghausen traute sich nicht näher als 20 Meter an die eigenen Fans. Aber drauf geschissen: Wenn die Fan-sein so definieren, ist das ihr eigenes Bier (bzw. Alt). Ich bin froh, dass es bei uns anders ist.

Ich kann mich nicht mehr dran erinnern, wie es ist, nicht auf die Uhr zu schauen.
Ich kann mich übrigens gar nicht mehr dran erinnern, wie es ist, *nicht* auf die Uhr zu schauen, wie viel Zeit man noch hat, das Spiel zu drehen oder wie lange man das Ergebnis noch halten muss. So sind wir jetzt also wieder in der Relegation angelangt. Die Vernunft mahnt zur Vorsicht. Maier beispielsweise hatte uns auch schon mal in nahezu letzter Sekunde mit einem Freistoß den Hintern gerettet und war dann doch nicht der Erlöser. Aber ich sage: Scheiß auf die Vernunft. Mein Bauch sagt: Wir packen das!

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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