Den Stier bei den Hörnern gepackt

Heute war es eine seltsame Stimmung. Der Dom ist ja mittlerweile wieder abgebaut und hat eine Wüste übrig gelassen. So hatte ich eine ziemlich staubige Lunge, als ich mein Frühstück in Form einer Bratwurst orderte. Dazu natürlich ein kleines bisschen Astra. Meine Stimmung war eher angespannt. Nach dem letzten Auswärtsspiel hatte ich nicht wirklich viel Hoffnung für heute. Für unfreiwillige Erheiterung sorgten als erstes einmal die Gäste. Originalton des Stadionsprechers:

Es ist gute Tradition am Millerntor, die Hymne des Gastes zu spielen. Das fällt heute leider aus, weil Leipzig hat ja keine Hymne“

Das hätte doch ein guter Einstieg sein können um mal so richtig die Sau rauszulassen. Aber irgendwie wollte heute kaum jemand in die Pötte kommen. Bei Bekanntgabe der Aufstellung wurden die Namen seltsam leise mitgerufen. Vermutlich war ich nicht alleine mit der Einschätzung, dass wir heute nicht viel zu Hause behalten würden. Andererseits: Nörgler gabs heute keinen Einzigen. Das war tatsächlich eine Premiere. Seitdem die Nord bei uns zu Gast ist, war eigentlich immer jemand am motzen gewesen.

Apropos motzen: Auf der Süd gabs eine ordentliche Show zu Anfang: Bengalos, Banderolen, das volle Programm. Ich bin da ehrlicherweise etwas zwiegespalten. Ich finds halt blöd, dass es den Verein wieder Kohle kostet. Die Stimmung, die das verbreitet hat, war hingegen ziemlich geil. Strenggenommen habe ich also eher ein Problem mit dem DFB und seinen Strafen als mit der Choreo.

Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen drei Punkten und Strafen oder 0 Punkten und keine Strafen, nehm ich die Strafen gern in Kauf
Und wenn ich mich entscheiden müsste zwischen drei Punkten und Strafen vom DFB und 0 Punkte und keine Strafen, nehm ich die Strafen gern in Kauf. Denn die Jungs haben sich sofort von der nun endlich aufkeimenden Stimmung anstecken lassen. Was war denn da los? 45 Minuten lang machte nur St. Pauli das Spiel. Keine Ahnung, wie Ewald es geschafft hat, den Boys in Brown das Selbstvertrauen einzuimpfen und wo genau das hergekommen ist, aber das war grandios. Ein nicht gerade schwacher Gegner wurde kaum aus der eigenen Hälfte gelassen. Aggressiv und mit Herz: Genau so muss das am Millerntor. Als alter Pessimist habe ich mich nur gefragt, wie lange die Jungs das durchhalten würden, und wie es mit dem Selbstbewusstsein aussieht, wenn wir mal wieder kämpfen bis zum Umfallen und dann ein blödes Gegentor reinbekommen.

Stattdessen gab es in der Nachspielzeit einen feinen Pass von Schnecke auf Thy. Und eine beherzte Grätsche sorgte quasi zum Pausenpfiff zur die Führung. Hatte ich was von seltsamer Stimmung gesagt? Scheiß drauf. Das passte nun absolut. Jetzt „nur“ noch das ganze 45 Minuten verwalten. Vor dem Spiel hätte ich einen Punkt als Ziel definiert. Das war nun natürlich vorbei. Nicht nur wegen der Führung, sondern auch, weil sie so unglaublich verdient war.

Der Freistoß selbst gehörte auf jeden Fall in die Kategorie „seltsam“
In der zweiten Hälfte drehte sich das Spiel dann komplett. Unsere Jungs kamen kaum noch hinten raus. Nur wenige Kontermöglichkeiten wurden wirklich bis zu Ende gespielt. Fast schon eine Gesetzmässigkeit, dass Konter so furchtbar wirkungslos verpuffen. In der Mitte der zweiten Hälfte zeigten sich die Leipziger von der ganz miesen Seite. Reyna schubste Kalla unsaft und völlig unnötig gegen den Pfosten. Zu Recht sah er dafür Gelb. Das auch Gonther eine bekam, weil er dem Jungen mal den Kopf waschen wollte, konnte und kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Den Rest der Partie musste Reyna nun mit Pfeifkonzerten überstehen.  Zehn Minuten vor Schluss gabs dann noch mal eine anständige Freistoßposition. Endlich mal etwas Luft. Der Gegner bekam auch noch Gelb. Aber nicht wegen Foul, sondern wegen Meckerns. Gibt’s ja auch nicht so häufig. Im Endeffekt aber völlig egal, Hauptsache, die Zeit kommt von der Uhr. Der Freistoß selbst gehörte auf jeden Fall in die Kategorie „seltsam“. Weniger wegen dem Freistoß selbst, sondern die Tatsache, dass bei einem Freistoß knapp vor dem gegnerischen Tor fast alle Spieler in der eigenen Hälfte blieben und nur der Schütze vorne blieb. War dennoch nicht schlecht: Knapp über die Latte das Ding.

Und wieder ein Blick auf die Stadionuhr: Ziemlich genau 10 Minuten, wenn die Nachspielzeit im üblichen Rahmen bleibt. Nachspielzeit: Freistoß für Leipzig. Himmelmann rettet uns mal wieder den Arsch. Erneute Ecke. Zu weit. Abpfiff.

WAHNSINN!

Die Fangesänge der Gäste klangen wie ein Medley anderer Vereine
Drei Punkte gegen RB Leipzig. Drei alles andere als eingeplante Punkte. Und das Daumendrücken für die Eisernen hat sich auch noch gelohnt. Die gewinnen nicht nur gegen 1860, sondern verhageln den Bayern auch noch die Tordifferenz. Auch Aalen hauts weiter unten rein. Nur Aue konnte – wie wir – zu Hause punkten und hat nun sowohl die gleich Punktzahl, als auch die gleiche Tordifferenz. Was in der Summe dazu führt, dass wir doch tatsächlich derzeit komplett raus sind aus den Abstiegsrennen. Nur eine Momentaufnahme, aber ehrlicherweise habe ich nicht damit gerechnet überhaupt wieder rauskommen zu können.

Ein letztes Wort noch zu den Gäste-Fans: Erst mal war es skurril, dass -neben einer fehlenden Hymne- auch die Fangesänge wie ein Medley anderer Clubs klang. Alles, was massenhaft Argumente für den Begriff „Retorte“ liefert. Doch so sehr ich das Konzept Red Bull verabscheue – steht es doch im krassen Gegensatz zur Vereinskultur unseres Vereins – so muss ich doch anerkennen, dass die gegnerischen Fans eine super Stimmung gemacht haben. Bis zum Ende gut gelaunt die eigene Mannschaft unterstützend. Dürfen gerne wieder kommen. Und am besten wieder drei Punkte da lassen 🙂

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.