Neunzig Minuten Unterzahl

Auf dem Weg zum heutigen Spiel hatte ich ein wegweisendes Gespräch mit einem Lütten in der U-Bahn. „Gegen wen spielt Ihr denn heute?“ – „Gegen Fürth.“ – „Oh. Da war ich auch mal mit Papa. Da war der Schiedrichter total Parteilisch“

Danke, Torre!
Orthografisch wurde der Kleine gleich von seiner Mutter berichtigt, aber inhaltlich hatte er vollkommen Recht. Und hat damit ein deutlich besseres Gedächnis als ich. Aber egal. Heute sollte es gefälligst besser werden.

Der Dom schlief noch tief und fest, als ich mit meinem Döner-Frühstück vor dem Millerntor stand. Extrem schwüles Wetter, gutgelaunte Heim- und Gästefans versprachen ein schönes Spiel. Bereits vor Anpfiff wurde Torre verabschiedet. Mal wieder Gänsehautfeeling bereits vor Anpfiff, als er eine halbe Ehrenrunde drehte und mit „You’ll never walk alone“ standesgemäß geehrt wurde. Danke, Torre! Das waren ein paar phantastische Jahre, die Du uns beschert hast. Nicht nur spielerisch, auch menschlich hast Du immer in dieses Viertel gepasst und wirst es auch weiterhin.

Über solch eine Qualität in der jungen Truppe können wir uns glücklich schätzen
Mit ein wenig Wehmut kam die erste Hiobsbotschaft. Sören Gonther stand nicht in der Startelf. Er hatte sich wohl direkt beim Warmmachen verletzt. Womit dann Yannick Deichmann zum ersten Mal von Anfang spielen durfte. Puh ein Youngster in der Startelf. Das kann entweder katastrophal enden oder Legenden bilden. Um es vorweg zu nehmen: Weder das eine, noch das andere trat ein: Wunder hat der Junge nicht vollbracht, aber ein ordentliches Spiel abgeliefert. Über solch eine Qualität in der jungen Truppe können wir uns wirklich glücklich schätzen.

Hells Bells war kaum verklungen, da gab es bereits den ersten Aufreger. Nach weniger als 20 Sekunden machte Philipp Ziereis einen Rückpass der Marke „Ambitioniert“ und Himmelmann konnte nur mit einer Fußabwehr wenige Zentimeter vor der Torlinie den Ball ins Aus klären. Na, das ging ja gut los. Aber erfreulich, wie schnell das abgeschüttelt wurde. Im Anschluss stand die Abwehr kompakt und es gab aggressive Angriffe nach vorne.

„Schauspiel“ steht bei Fürth offenbar ganz weit oben auf dem Trainingsplan
Apropos aggressiv: Wie schon in der letzten Saison fielen die Fürther mal wieder wie die Fliegen. Und wie letzte Saison fiel der Schiri auch jedes Mal wieder darauf herein. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass bei Fürth das Fach „Schauspiel“ ganz oben auf dem Trainingsplan steht. Den Schmähgesang „Schauspielertruppe“ haben sie sich auch diese Saison wieder mehr als redlich verdient. Auffällig auch, dass der Schiedsrichter nur bei den Gästen hereinfiel. Auf der anderen Seite wurden auch taktische Fouls nicht mit einer Karte geahndet. Ich will da gar keine Absicht unterstellen. Lediglich Unfähigkeit. Die ganze Partie über wirkte das Gespann größtenteils überfordert.

Gleich positiv aufgefallen ist mir, dass Himmelmann immer sehr schnell versuchte das Spiel zu eröffnen und dies überfallartigen Abschläge fast immer Punktgenau auf dem Mann landeten. Das könnte eine echte Waffe werden in der Saison.

In der 18. Minute wurde der Kampf dann belohnt. Eine schöne Kombination von Maier, Buballa und nicht zu letzt Ratsche, der den traumhaften Rückpass mustergültig verwandelte bescherte uns Song Two. Auch danach blieb das Spiel kompakt und offensiv. Kein Vergleich zu dem Angsthasenfußball, den wir Anfang letzte Saison immer nach Führung gezeigt haben. Stattdessen packte Halstenberg nach einer guten halben Stunde mal wieder seinen schwachen Fuß raus und semmelte das Ding ins Eck. Das war ja fast eine direkte Kopie seines letzten Treffers.

Es ist angenehm, wenn man hin und wieder bestätigt bekommt, dass man sein Herz dem richtigen Verein geschenkt hat
Dann ging es defensiv weiter. Ewalds Eleven wartete auf Konter, machte ansonsten hinten aber ordentlich dicht. Zehn Minuten und einen kräftigen Tiefschlaf der Abwehr später gab es nach einer hohen Flanke den Anschlusstreffer. Der hätte niemals rein gehen dürfen! Mit dem Fehler schwand auch die Souveränität der Abwehr. Ich muss gestehen, ich hatte zum Halbzeitpfiff schlimmste Bedenken, weil Fürth jetzt stärker wurde und gefährlich vor unser Tor kam.

Die Halbzeit selbst zeigte dann, was den FC St. Pauli ausmacht. Auf allen Stehplatztribühnen wurde in Form von Plakaten mächtig Stimmung gegen den „Tag der Patri(di)oten“ gemacht. Die Luftballonaktion auf der Nord war auch akustisch ein schönes Spektakel. Und auch der Verein selbst positionierte sich deutlich mit Durchsagen. Nicht, dass dies jetzt sehr überraschend wäre, aber es ist angenehm, wenn man hin und wieder bestätigt bekommt, dass man sein Herz dem richtigen Verein geschenkt hat. Und persönlich kann ich mich natürlich nur absolut anschließen: Am 12.09. sollte jeder Hamburger auf die Straße gehen und den Nazis zeigen, was Abseits bedeutet. Wir sind das Tor zur Welt, wie man so schön sagt. Da hat Rassismus keinen Platz. Das gilt nicht nur für St. Pauli sondern für die ganze Stadt.

Müssen wir ausbaden, dass St. Ellingen ständig unverdient in der Liga bleibt?
In der zweiten Halbzeit hatten wir uns wieder recht gut gefangen. Der Gegner kam nur einmal vor unser Tor, dass dann allerdings Abseits war. Und ohnehin: Himmelmann hätte den Ball sowieso gehabt. In der 55. Minute bewies der Schiri, wie grün er hinter den Ohren war. Die Position des Balles wurde vom Freistoßschützen festgelegt, und erst hinterher die Position mit dem Spray markiert. Gleiches galt für die Mauer. Die positionierte sich viel zu weit vorne. Erst nachdem gesprayt wurde, entschied der Schiri nach den Protesten, dass die Spieler sich einen Schritt hinter der gesprühten Linie positionieren sollten. Souverän ist anders. Der Freistoß würde übrigens abgefälscht, rollte gegen den Innenpfosten und dann zu Torwart. Wie viel Pech kann man eigentlich haben? Hat der Fußballgott entschieden, dass die hamburger Fußballer schon zu viel Glück hatten? Müssen wir ausbaden, dass St. Ellingen ständig unverdient in der Liga bleibt? Unfassbar!

In Minute 65 zeigte der Schiri dann wieder seine ganze Klasse: Pfiff uns einen Vorteil ab und verpasste Ratsche als Krönung noch eine gelbe Karte, weil dieser aufs gegnerische Tor schoss. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt sicher: Der Kerl wird uns noch mindestens zwei Punkte kosten.

In der 70sten zeigte der Sebastian Mielitz, üblicherweise im Kasten der Kleeblätter, was für einen Unterschied es macht, einen guten Torwart zu haben. Ist Robin bei uns der Rückhalt, war sein Ausflug alles andere als dazu angetan, die eigene Moral zu stärken. Nur hätte Verhoek das Ding nicht versenken können, nachdem der Torwart schon geschlagen war? Vorbei am leeren Tor. Klar aus schweren Winkel, aber dennoch: Der hätte rein gehen dürfen.

Das wohl schönste Gegentor aller Zeiten
Nur zwei Minuten später gab es nach (einem mal wieder völlig kleinlichen) Freistoß das schönste Gegentor aller Zeiten. Fürths Brosinski köpft den Ball hinter die Torlinie. Doch glücklicherweise stand er im Abseits. Und während die Fürther teilweise noch jubeln und andere gerade reklamieren, passt Ratsche den Ball schnell zu Himmelmann, der sofort abstößt und Sobota perfekt bedient. Der scheitert zwar dann noch an Mielitz, doch Ratsche schafft dann im zweiten Versuch das, was nichts anderes als ein weiteres Mal Song Two zur Folge hatte. Ich muss gestehen: Ich musste mir die Szene zu Hause noch mal anschauen. Auch wenn Stefan Ruthenbeck, Fürths Trainer im Interview doch reichlich angefressen war: Da war alles in Ordnung. Unsere Jungs waren einfach „Gedankenschneller“, wie Fußballkommentatoren so gerne sagen. Was für ein Ding! Wenn man jemals ein ganzes Stadion synchron grinsen sehen wollte, dann heute.

Zehn Minuten vor Schluss kam Fürth noch einmal heran und hatte dann eine ziemlich starke Phase. Dann gab es großkarätige Chancen auf beiden Seiten. Doch alles was zu halten gab, hat Robin auch gehalten. Ewald blieb bei seiner offensiven Linie und wechselte Choi anstelle eines Abwehrspielers. Vielleicht allerdings auch nur mangels Alternativen.

Es war wieder spannend bis zur letzten Sekunde, aber wir habens geschafft. Und am Schluss gab es ein Lied, dass in der letzte Saison höchstens sarkastisch gemeint sein könnte: „Niemand siegt am Millerntor„, diese Saison bisher aber passt. Es war ein tolles, kampfbetontes Spiel gegen einen starken Gegner. Und es hat verdammt viel Spaß gemacht. Wir sind jetzt übrigens auf dem Relegationsplatz. Darf gerne so bleiben. Muss nur der HSV noch etwas besser werden, damit wir der Gerechtigkeit endlich folge leisten können und den Dino nach unten schießen können… 🙂

War sonst noch was? Ach ja: Gratulation, Yannick, das war eine grundsolide Leistung in der Abwehr. Freue mich schon auf weitere Spiele.

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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