Hinten ging was schief

Super Wetter, eine tolle Schal- Aktion („Refugees Welcome“), keine Zäune mehr vor der Gegengerade: Der Tag versprach toll zu werden. Die Hymne des Gegners war … wie soll ich es ausdrücken? Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere und der Kegelclub der Eltern zu Besuch war: Zwischen den Fips Asmussen – Schalplatten war genau so eine Musik zu hören. Gruselig. Das Spiel ging gleich klasse los. Die Boys in Brown gaben dem Gegner kaum eine Chance, selbst mal zu kombinieren. Das „Niemand siegt am Millerntor“ in Minute drei aus der Süd fand ich dann  doch zu optimistisch. Wenn das mal nicht nach hinten los geht.

Der Gegner war so überrascht, dass er in der falschen Kurve feierte
Was soll ich sagen: Der kleine Zweifler in meinem Kopf, der alte Drecksack sollte Recht behalten. Eine schlimme Flanke von Ratsche im eigenen Strafraum landete in Minute fünf beim Gegner, der die Chance eiskalt nutzte und den Ball rechts unten ins Eck schlenzte. Das war weder verdient, noch zu erwarten gewesen. Der Gegner war wohl auch etwas überrascht von dieser Führung. Anders ist wohl nicht zu erklären, dass der Gegner beim Jubeln nicht zu den eigenen Fans gerannt ist, sondern ausgerechnet zu unseren Ultras. Ich möchte gar nicht wissen, was da in anderen Stadien so geflogen wäre, wenn es dort passiert wäre.

Anfeuern ist eine gute Frustbewältigung
Kurze Zeit später stands dann 0:2 nach einem extrem guten Kopfball eines Sandhäusers. Unfassbar. Der Gegner macht aus 0 Chancen 2 Tore. Bei uns ist es genau anders herum. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass könnte noch alles in Ordnung gehen. Wie gut 29.000 andere im Stadion sang ich meinen Frust heraus. Anfeuern kann eine gute Frustbewältigung sein.

Dann passierte das, was ich irgendwie viel zu häufig gesehen habe diese Saison: Der Gegner haut mehrmals hart unsere Spieler um, um Angriffe zu verhindern. Gleichzeitig fallen sie selbst aber wie die Fliegen und wir kassieren dann lächerliche gelbe Karten. Nach einer knappen halben Stunde gab es einen wunderschön herausgespielten Anschlusstreffer. War nur leider Abseits. Aber genau so könnte es gehen!

Kurz darauf bekam Lasse beide Fäuste des gegnerischen Torwarts an den Kopf. Wurde natürlich nicht abgepfiffen und es dauerte über fünf Minuten, bis Sobiech wieder spielen konnte.

In der Halbzeit zeigte die St. Pauli – Mafia ein seltsames Plakat: „Wer den 3.10. feiert, feiert auch den 26.5.1993, 19.9.14 und 29.9.2014“. Ich muss gestehen. Ich kann da erst mal nix mit anfangen.

Sandhausen klingt blöd im „We love St. Pauli“
In der zweiten Hälfte änderte sich eigentlich nicht viel. Die Angriffe wurden ein kleines bisschen besser, der Gegner fand weiterhin nicht statt, aber ein Tor wollte weiterhin nicht auf der richtigen Seite fallen. Eine gute halbe Stunde vor Schluss durfte Choi für Jerry zeigen, was er denn fußballerisch so in Petto hat. Und ich musste erkennen, dass „Sandhausen“ vom Versmaß total blöd ist. Zumindest, wenn man es ins „We love Sankt Pauli“ einbauen möchte.

In der 75sten Minute traute sich endlich mal jemand aus der Ferne aufs Tor zu schießen. Ausgerechnet der eingewechselte Choi nahm sich ein Herz und verkürzte auf 1:2. Als hätte der Schiri Angst, es könnte noch einen Ausgleich geben, sprach er dem Gegner einen Elfmeter zu. Der Stürme fiel ohne Feindberührung im 16er um. Und das schien zu reichen. Es stand wieder 1:3, obwohl Robin noch dran war am Ball.

Ewald brachte noch Verhoek und Schnecke. Insbesondere die Kombination Verhoek und Choi machte jetzt vorne richtig Alarm und auch endlich mal gefährlich vor dem Tor. In Minute 80 war ein Pass von Choi auf Verhoek und dann quer auf Maier nur mit viel Glück vom gegnerischen Keeper zu halten. Das sah extrem gut aus. Die drei dürften gerne öfter und länger zusammen auf dem Platz stehen.

Orange is the new brown
Am Ende war das Stadion diesmal in ungewohnten Farben zu sehen. Anstatt der üblichen braun-weißen Schals waren viele der „Refugees Welcome“ – Schals zu sehen. ‚Orange is the new Brown‘ möchte man da fast sagen. Das in Kombination mit der einfachen Tatsache, dass die Mannschaft mit einem vom Herzen kommenden „Walk On“ und Applaus verabschieded wurde, stimmte mich dann am Ende wieder etwas versöhnlich. Das ist eben mein Verein. Meine Kurve. Mein Zuhause.

Auch spielerisch war das heute wieder gut. Waldemar Sobota hat heute ein paar richtig gute Aktionen gezeigt, Dudziak (mal wieder), dass er technisch viel zu bieten hat, aber eben auch, dass es noch etwas braucht, bis er wirklich Mannschaftsdienlich arbeiten kann. Ein bisschen so wie Ratsche in der letzten Saison. A prospos Ratsche: Seinen bösen Bock habe ich ja schon erwähnt. Aber positiv fand ich, dass er maximal 0,543 Millisekunden gebraucht hat um das abzuschütteln. Nichts zu sehen von Unsicherheit. Auch eine neue Qualität von ihm und von der ganzen Mannschaft, wenn man das mit der letzten Saison vergleicht.

Es bleibt aber das Problem, dass der gegnerische 16er einfach verhext ist. Choi macht da ein wenig Hoffnung, sein sehenswerter Anschlusstreffer lässt hoffen, dass da ENDLICH mal etwas mehr passiert in den nächsten Spielen vorne.

Hoffentlich ist das Aufstiegsgesabbel jetzt vorbei
Und zu guter Letzt: Vielleicht ist das Aufstiegsgesabbel damit jetzt endlich vorbei. Die Mannschaft hat sich das ohnehin (für mich glaubwürdig) frei gemacht, aber von außen ist es ja immer wieder hereingetragen worden. Ein kleiner Wunsch also zum nächsten Heimspiel gegen Freiburg: Da habe ich Besuch aus Luxemburg. Der macht einen sehr weiten Weg um sich mal die schönste Stadt der Welt anzuschauen. Da wären drei Punkte doch eine ganz nette Überraschung.

P.S: Auf dem Rückweg hatte ich einen Platten. Hinten. Aber Fahrradschieben kann bei schönem Wetter ja auch Spaß machen…

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.