Mit SPON ab in die rechte Ecke

Schon ein starkes Stück, was Alexander Neubacher, (selbsternannter) Ökohasser und TTIP-Fan heute auf SPON vom Stapel lässt:“Wer gegen TTIP ist, muss Nazi sein„.

Und nein. Das ist jetzt keine allzu überspitzte Formulierung meinerseits, sondern ziemlich genau die Essenz seines Kommentars. Der wird übrigens illustriert mit dem Foto einer Pegida-Demonstration mit den üblichen Fahnen der Reichsbürger und anderer rechter Spinner. So dass in Kombination mit der Überschrift „TTIP-Demo“ der Eindruck erweckt werden soll, dass dieses Foto irgend etwas mit der TTIP-Demo zu tun haben müsse.

Gleich in der Bildunterschrift dann „Wer da mitmarschiert, findet offenbar nichts daran, sich gedanklich bei Pegida-Bachmann, Marine Le Pen und Donald Trump unterzuhaken.“ Aha. Wer also TTIP nicht so dufte findet, muss sich zwangsläufig gefallen lassen, zu den Nazis gezählt zu werden. Eine ziemlich steile These.

Führen wir das doch mal fort: Die meisten Nazis geben sich unglaublich tierlieb. (Wie sich Tierliebe mit Menschenhass vereinbaren lässt kann ich zwar bis heute nicht nachvollziehen, aber ignorieren wir mal dieses Paradoxon.) Nun bin ich persönlich auch kein allzu großer Fan etwa davon, Robben zu schlachten. Bachmann und Co. sicher ebenfalls nicht. Ergo: Muss ich ja auch zu den rechten Spinnern gehören.

Axtmörder haben üblicherweise eine Axt zu Hause. Daraus den Schluss zu ziehen, dass jeder Axt-Besitzer auch automatisch ein Axtmörder ist, oder – um Neubacher zu zitieren – „offenbar nichts daran findet, sich bei Axtmördern unterzuhaken“ ist eben nicht einfach nur schlechter Journalismus, sondern Absicht.

Neubacher ist hier bewusst, dass er falsche Schlüsse zieht. Offensichtlich verfolgt er hier eine persönliche Agenda. Und die lautet: TTIP ist total dufte. Er darf diese Meinung übrigens gerne haben. Er darf auch schreiben, warum er das tut. Argumente liefern. Versuchen die Gegner zu überzeugen. Er verzichtet darauf. Vielleicht mangels Argumenten, vielleicht weil er resigniert festgestellt hat, dass seine Argumente nicht ankommen.

Die TTIP-Gegner fänden, „am deutschen Wesen solle die Welt genesen“ führt Neubacher weiter aus. Das ist Unfug. Ein Großteil der Menschen, die sich schon lange gegen TTIP positionieren wollen keineswegs, dass Deutschland eine „nationale Insel“ wird. Es geht nicht um den Welthandel an sich. Wir alle kaufen bei Amazon, besitzen Smartphones, verkauft in den USA, produziert in Asien. Jetzt zu unterstellen, die Gegner des Freihandelsabkommens würden sich abschotten wollen, geht am Thema vorbei. Alexander Neubacher weiß das auch. Er weiß auch, dass es nicht um Chlorhühnchen geht, behauptet aber, es ginge den Demonstranten primär darum: „Horrorstorys, etwa die vom amerikanischen Chlorhühnchen, sind längst als Schauermärchen entlarvt, werden zur heutigen Demo aber trotzdem wieder aufgetischt.„. Man muss sich nur einmal die Plakate und Transparente der letzten Demonstrationen anschauen. Kaum ein Chlorhühnchen zu finden. Primär geht es nämlich um etwas anderes: Die geheimen Verhandlungen etwa, die der Autor nur in einem Nebensatz erwähnt, „Einige Kritikpunkte an den TTIP-Verhandlungen, etwa die mangelhafte Transparenz, sind berechtigt.“ So als wären dies Kleinigkeiten, um die es im Kern gar nicht ginge. Da gabs doch auch noch ein Thema zu den Schiedsgerichten? Passte wohl in den Artikel nicht mehr hinein.

Zum Schluss fasst er noch einmal zusammen: „Wer nichts Schlimmes daran findet, sich gedanklich bei Pegida-Bachmann, Marine Le Pen und Donald Trump unterzuhaken, darf bei der Demo heute gerne hinter dem Plakat mit dem Chlorhühnchen herrennen. Alle anderen jedoch sollten sich fragen, wie sie aus einer solchen Gesellschaft schnell wieder herauskommen.“

Keine Ahnung, was Donald Trump in dieser Auflistung zu suchen hat; Vielleicht hat er ihn gewählt, weil dessen Sympathiewerte hierzulande nicht unbedingt die höchsten sind. So nach dem Motto: Für den kann man doch nun wirklich nicht auf die Straße gehen. Vielleicht hat er auch einfach nur nach „Rechtspopulisten“ gegoogelt und jeweils den ersten Treffer von Deutschland, Frankreich und den USA gewählt. Recherche 2.0, oder so.

Wahllos rechte Populisten aufzulisten ist perfide. Das ist – mir fällt kein anderes Wort ein – in höchstem Maße widerlich. Früher war ja jeder, der seine demokratischen Rechte wahrnimmt ja mal Kommunist. Heute scheint es der Nazi zu sein. Es wäre durchaus in Ordnung gewesen zu mahnen, dass Pegida, NPD und Co. versuchen würden das Thema für sich zu nutzen. Die Demonstranten zu sensibilisieren, sich nicht vor den rechten Karren spannen zu lassen. Doch das hat Neubacher bewusst nicht getan. Stattdessen macht er jeden Demonstranten zu einen rechten Spinner. Es hätte den Protest effektiver machen können, klare Statements erlaubt. Gegen TTIP und gegen die Rassisten.

Aber Neubacher ist es wichtiger, seine Agenda durchzusetzen. Dafür nimmt er gerne in Kauf, dass TTIP-Gegner, die mit Rassisten nichts zu tun haben wollen, lieber zu Hause bleiben und damit den Rechten das Feld überlassen. Und hinterher kann er sich für seine selbst erfüllende Prophezeiung dann gratulieren: „Ich habe es doch gleich gesagt“.

 

UPDATE: Der Artikel wurde mittlerweile von „Kommentar“ zu „Polemik“ verändert. Außerdem gibt es seit 18:00 Uhr auf SPON direkt eine Erwiderung.

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.
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