Das Prinzip Hoffnung

Arschkalt wars – mal wieder – am Millerntor. Aber immerhin war (und blieb) es trocken, als ich mich eine gute Stunde vor Anpfiff an der Gegengeraden eingefunden hatte. Noch vor Anpfiff gab es aus den Lautsprechern „Cocaine“ zu hören. Nun ja: An die verschiedenen Grasgerüche, auf die mein Heuschnupfen zum Glück nicht anspringt habe ich mich ja schon gewöhnt. Aber „Cocaine„? Wäre das hier St. Pauli*Nu, würde ich doch glatt eine Verschwörung wittern, dass der Verein sich bei den Schrimps-essenden Logenbesitzern einschleimen wollte. Denn mal ehrlich: Auf den Stehplätzen geht das ja nicht mit den Linien bauen, wenn ich die einschlägigen Filme richtig interpretiere braucht man da auf jeden Fall Tische für 😉 .

Gemeinsam finden wir den Weg aus dunklen Zeiten
Das Stadion war nicht völlig ausverkauft, was man aber beim „Herz von Sankt Pauli“ akustisch keineswegs bemerkte. Während Hells Bells zeigte die Süd eine der besten Choreos seit langem. Ganz ehrlich: Ich neige mein Haupt. Das war grandios. Erst leise mit den Wunderkerzen und dem klugen Banner „Gemeinsam finden wir den Weg aus dunklen Zeiten„. Auch wenn sich der Banner sich wohl eigentlich hauptsächlich „nur“ zum Thema Stadionverbote positionieren wollte, so lässt er sich auch leicht auf das Anwenden, was derzeit insbesondere in Sachsen los ist. Auch wenn ich ehrlicherweise mittlerweile Probleme habe, die Hoffnung zu teilen. Zu erschreckend ist das, was der braune Mob im Land so anstellt und von der Staatsgewalt nicht wirklich gestoppt wird. Ich war sicher nicht der Einzige, der über den Banner nachgedacht hat; Gut, dass das Feuerwerk die düsteren Gedanken dann wegwischte. Das Spiel konnte los gehen.

Ich hatte vor dem Spiel erwartet, dass es schwerer würde als gegen Leipzig. Jetzt mussten wir das Spiel machen und nicht auf Konter warten. Umgedrehte Verhältnisse also. Das Spiel lief dann jedoch doch etwas anders. Die Frankfurter stellten sich nicht hinten rein, sondern machten es sich gleich zu Beginn in unserer Hälfte gemütlich. Die Fortuna und – wieder einmal – Robin hatten alle Hände voll zu tun, schlimmeres zu verhindern. Unterstützt wurden die Frankfurter dabei kräftig vom kleinlichen Schiedsrichter. Aber – um es vorweg zu nehmen: Die Schiedsrichterleistung war zwar unter aller Sau, hatte aber auf das Spielergebnis keine wirkliche Auswirkung. Bereits in der ersten Spielminute landete der Ball an unserem Torpfosten; Der Stimmung tat das erst einmal keinen Abbruch. Die bekannten Wechselgesänge mit Süd und Nord mit schönem Gruß an den Rivalen aus Stellingen schwankten durch das Stadion.

Ärgerlich. Unnötig. Doof
In der neunten Minute gab es dann auch noch Song Two aufs Haus. Ratsche traf mit einem schönen Drehschuss. Das sah fast so aus wie Meggis Treffer gegen die Weltpokalsiegerbesieger. Geht doch! Mit einem Tor im Rücken sollte das doch in Ruhe… Denkste. Keine Minute später lag der Ball im falschen Tor. Wie bescheuert war das denn? Noch im Jubeln der Gegentreffer. Schlafmützig verteidigt. Ärgerlich. Unnötig. Doof.

Aber die Reaktion war in Ordnung. Thy und Sobiech prüften den gegnerischen Torwart, der leider keine Blöße zeigte. In der 17. Minute musste Zimling nach einem unglücklichen, foul-freien Zusammenstoß mit der Trage vom Platz.  Gute Besserung auch von mir.

Zeit für eine taktische Biereinwechslung
Ich nutzte die Verletzungspause für eine taktische Biereinwechslung. Bei meiner Rückkehr hatte sich nichts grundlegendes geändert. Neben ein paar schönen Balleroberungen, bei denen vor allem Sobota stellenweise technisch Klasse glänzte, war das gegnerische Tor weiter vernagelt. Und neben schicken Balleroberungen gab es auch ein paar ärgerliche Ballverluste, die den Gegner mehrmals gefährlich vor unser Tor brachte. Vor allem wurden einige Konterchancen fahrlässig vergeben. Der Gegner zeigte dann, wie es mit schnellen Kontern geht. Können wir eigentlich auch. Genau so haben wir schließlich die Leipziger bezwungen. Aber heute war der Gegner einfach bissiger, einfach besser. Die Führung des Gegners ging leider völlig in Ordnung und war erst durch einen kollektiven Mittagsschlaf der Abwehr nach einer halben Stunde möglich.

Spätestens jetzt wurde die Stimmung etwas lauer. Zwar gab es weiterhin stimmgewaltige Rufe, aber es waren jetzt mehr – halb verzweifelte – Anfeuerungsrufe der Marke „Sankt Pauli“ und „Boys in brown“. Unsere Abwehrkette verwandelte sich derbei in eine Fehlerkette. Nur Robin war auf dem Posten und verhinderte, dass es zur Halbzeit schon 4 oder 5 Gegentore gegeben hatte.

Miraculix in der Kabine versteckt
Nach Thys Torschuss in der 40sten Minute, die unverschämterweise vom gegnerischen Torwart gehalten wurde, war die Stimmung wieder da. „Die ganze Kurve singt und tanzt für Dich„. Aber leider waren diese genialen Momente die Ausnahme. Das Spiel machte Frankfurt. Und so war ich zum Halbzeitpfiff bereits sicher, dass heute nichts zu holen war. Wenn Ewald nicht zufällig Miraculix in der Kabine versteckt hatte, war da nix zu holen.

In der Halbzeitpause konnte ich wenigstens in Ruhe die Bandenwerbung studieren. Neben dem üblichen Verdächtigen Congstar gabs Werbung der Dose, und auch „Love Football – Hate Racism“ vom Sponsor Lonsdale. Den könnte ich mir übrigens auch gut für den Produzenten für die Klamotten im Fanshop vorstellen. Gäbe wohl kaum einen Hersteller, der glaubwürdiger zu uns passen würde. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass man ein gut laufendes Geschäftsmodell aufgibt und sich gegen den braunen Mob positioniert. In Sachsen (welch Wunder) führte das direkt zu einem Umsatzrückgang von 75%. Ist lange her aber immer noch einmalig.  Unsere Boxer werden von Lonsdale ja schon länger unterstützt. Auch bei „Laut gegen Nazis“ ist der Hersteller schon länger aktiv. Jetzt wohl auch die Kicker. Scheiß Kommerz und so, aber hier erwähne ich die Marke doch gerne mehrmals. Also: Under Armour raus, und Lonsdale rein. Eigentlich ganz einfach, oder?

Apropos Halbzeitpause. Endlich gabs mal wieder Los Fastidos zu hören. Leider nur zu spät gestartet und deshalb vom Wiederanpfiff unterbrochen. Und es dauerte wieder keine zehn Minuten und eine Ecke, bis erneut der Ball im falschen Netz lag. Lasse hatte ihn ungünstig ins Tor befördert. Das machte den Druck natürlich nicht gerade besser und vor allem Taiwo Awoniyi war überhaupt nicht in den Griff zu kriegen. Bis auf den Abschluss lief bei ihm alles gefährlich. Der ist übrigens nur ausgeliehen, Ewald! Vielleicht könnten wir uns nächstes Jahr ja einen weiteren Nationalspieler angeln…

Nach dem Spiel noch eine Stimme zu haben ist ein schlechtes Zeichen
Das die Stimmung jetzt nicht gerade positiv überkochte war kaum verwunderlich. Wirklich leise ist es bei uns im Stadion ja nie, aber das wirkte jetzt doch etwas ritualisiert, was da an Gesängen kam. Wenn ich nach dem Spiel noch eine Stimme habe, ist das meist ein ganz blödes Zeichen. Was mich jedoch am meisten wunderte, war die (nicht vorhanden) Reaktion der Frankfurter Fans. Von da gab es irgendwie nichts zu hören. Die eigene Mannschaft macht ein grandioses Spiel auswärts und führt in diesem Hexenkessel und wird nur halbherzig angefeuert? Das will einfach nicht in meinen Kopf. Warum nimmt man so einen weiten Weg auf sich, um dann im Stadion Keksrezepte zu tauschen oder irgend etwas anderes zu tun, was mit dem Spiel nichts zu tun hat?

Die letzten 20 Minuten durften Jerry und Choi noch mal etwas mehr Pfeffer ins Spiel bringen. Die beiden hatten dann auch noch ein paar gute Aktionen, vor allem in der Kombination. Aber in diesem Spiel sollte einfach nichts klappen. Der Schiri übersah mittlerweile das dritte Handspiel der Frankfurter, bevor Thy den letzten Schuss des Spiels abgeben durfte. Und so war der Abpfiff ein willkommenes Ende.

Nee. Das war nix heute. Aber was solls. Man sollte nie vergessen, wo man her kommt. Und wir sind immer noch weit oben in der Tabelle, die dritte Liga weit entfernt. Das ist das, was ich mir diese Saison gewünscht habe. Hoffen wir, dass uns der nächste Gegner wieder besser liegt.

Ich wiederhole es ja fast schon Mantra-mäßig und ich mein das ernsthaft: Ich will gar nicht, dass wir aufsteigen. Ein einzelnes Spiel entscheided darüber ohnehin nicht. Es macht genauso wenig Sinn, nach dem Leipzig-Spiel den Aufstieg zu planen wie nach diesem Spiel alles abzubrechen. Aber dennoch: In der zweiten Liga ist das eigentlich viel kuscheliger. Die Siegquote ist höher, das Stadion auch so ohnehin fast immer voll.  Und Business-Seats brauchen wir sowieso nicht. Aber da gibt es einen Haken an der Sache: Der Deal war, zu Hause zu gewinnen und Auswärts den einen oder anderen Punkt liegen zu lassen. Ja. Ich bin ein stinkfauler fast-nur-zu-hause-schauer. Und da hab ich mehr Bock auf Party als auf Frust.

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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