Schieß doch, Bulle!

Endlich vorbei, die Winterpause! Die neuen Kollegen bekamen mich auch zum ersten Mal in voller St. Pauli-Montur zu Gesicht, bevor ich mich Hintern abfrierend die Alster entlang Richtung Innenstadt aufs Rad schwang. Eine Stunde vor Anpfiff war der Vorplatz schon rappelvoll. Bei der obligatorischen Pre-Anpfiff-Bratwurst war deutlich zu spüren, dass ich nicht alleine auf den Zahnfleisch ging, was die Fußball-Abstinenz angeht. Fastenzeit? Kinderkram! Ich leide jede Winterpause!

Auf der Zieleinfahrt Richtung Stadion waren extrem viele Bullen von Leipzig und in Uniform zu sehen. (Sorry. Aber das Wortspiel konnte ich mir nicht entgehen lassen). Mannschaftswagen, Wasserwerfer, was war denn hier los? Gefiel ihnen unser heutiges Motto nicht? Bei aller Antipathie gegen den Dosenverein: Die Leipziger Fans haben sich immer recht anständig verhalten. Stress gabs nach dem Spiel nie. Es war also kein anständiger Grund zu erkennen, warum die Polizei hier offensichtlich auf Eskalation setzte.

Leipzig sucht die Superhymne
Die Gästehymne fiel mal wieder aus, weil es eben immer noch keine Gästehymne gibt. Wie unser Stadionsprecher ganz richtig bemerkte: „Vielleicht habt Ihr im nächsten Jahr ja endlich eine Hymne. Dann spielen wir die auch gerne hier“. Das setzt natürlich voraus, dass  die Leipziger nächstes Jahr weiterhin in der zweiten, oder wir in der ersten… aber lassen wir das. Ein ganz kostenloser Tipp übrigens von mir. Folgende Hymne wäre doch absolut angemessen. Wobei das Einschmelzen und trinken der Hauptdarsteller nicht unbedingt kindgerecht ist:

Die Spieler liefen heute in „Kein Fußball den Faschisten“-Schriftzug auf. Dazu gab es vor Anpfiff ein gemeinsames Statement von uns und den Leipzigern. Es herrscht ja keine große Gefahr, dass ich übermäßiger Fan der Dosen werde, aber wenn bei so einem Statement überzeugende Gemeinsamkeiten existieren ist das durchaus positiv erwähnenswert. Das übrigens ausgerechnet bei der Verlesung ein kleiner Teil der Süd Fangesänge angestimmt hat, fand ich eher nicht so knorke. Ich gehe aber mal davon aus, dass das keine bewusste Aktion war, sondern einfach nur „blöd gelaufen“, dass sich die Gruppendynamik ausgerechnet zu dem Zeitpunkt den Weg bahnte.

Gehört dazu, wie der Onkel, der jedes Mal die gleichen schlechten Witze erzählt
Die Stimmung war so oder so grandios. „Das Herz von Sankt Pauli“ war dieses Mal gefühlt noch ein paar Dezibel lauter als sonst. Irgendwie wollten alle endlich mal wieder Fußball am Millerntor sehen. Natürlich war das Stadion ausverkauft. Wenn sich auch bei mir dieses Mal ein paar ungewöhnliche Mitbewohner in meinem Wohnzimmer niedergelassen haben. Während links die üblichen Verdächtigen standen, wie die lange Rothaarige, die mich jeden Tag viermal unter den Tisch saufen könnte, oder die kleine Schwarzhaarige, die immer total böse schaut aber gleichzeitig mordsmäßig abfeiert. Oder natürlich der Bart hinter mir, der wie bei jedem Spiel den Umstehenden klar zu verstehen gab, dass es nicht „Ihr seid nur Auswechselspieler“, sondern „Ihr seid nur Einwechselspieler“ zu heißen habe. (Bevor jetzt der falsche Eindruck entsteht: Nein. Ich habe da kein Problem mit. Ich liebe die komischen Typen um mich herum. So wie man den Onkel liebt, der bei jeder Feier die gleichen, schlechten Witze erzählt 🙂 )

Dieses mal hatte ich meiner Rechten aber einen Neuling: Eine Frau, die offensichtlich zum ersten Mal im Stadion stand. Während sie ununterbrochen den aktuellen Spielverlauf in irgendeinem sozialen Netzwerk mitteilte, bekam sie wohl kaum etwas von dem Spiel mit. Wie zum Teufel hat die überhaupt Empfang? Ich krieg da nie was im Stadion!

Diesmal gabs nix auf die Mütze
Pünktlich zu Hells Bells war ohnehin alles um mich herum ausgeblendet. Ich wäre übrigens mit einem Unentschieden sehr zufrieden gewesen. Sorry. Ich bin nun mal kein allzu großer Optimist und die Leipziger haben nun mal einen Kader der finanziell eher für einen europäischen Wettbewerb, als die zweite Liga aufgestellt ist. Außerdem habe ich mich nach der letzten Saison immer noch nicht daran gewöhnt, mal nicht im Regen zu stehen und dabei auf die Mütze zu kriegen. Gabs diesmal zum Glück nicht. Weder wettertechnisch, noch spielerisch gabs einen auf die Mütze. (Hatte ich ohnehin nicht dabei).

Leipzig machte von Anfang an erwartungsgemäß mächtig Druck, doch unsere Abwehr stand extrem stabil. Und wenn denn doch einmal der Ball verloren ging, wurde aggressiv nachgetreten und so einige Konter eingeleitet., die schnell über mehrere Stationen nach vorne gespielt wurden. Das war ja fast schon Tiki Taka! Ich war hellauf begeistert. Vom letzten Pass mal abgesehen. Das sind die beiden Sachen die am krassesten zur letzten Saison auffallen. Zum einen die gute Abwehr und zum anderen die schnellen Konter. Kein Vergleich zu den schlafmützigen Angriffen der letzten Saison.

Wie schreibt man eigentlich „Ratschkowskie“?
Die Jungs spielten mutig und auch wenn durch das schnelle Spiel nicht alle Bälle ankamen: Viele taten es. Und das war deutlich ansehnlicher als ein angsthasiges Absichern. In der siebten Minute war es dann soweit: Ratsche, der wieder vorne und hinten ackerte holte sich den Ball kurz vor dem eigenen Sechszehner ab. Über mehrere Stationen und mehreren Seitenwechseln landete der Ball schließlich im gegnerischen Strafraum. Da waren eigentlich schon zu viele Gegner im Weg, aber Ratsche fand dennoch die Lücke und schob den Ball durch die Gegner hindurch ins Tor. Der Konter, das Tor: Alles reine Sahneschnitte. Das gipfelte dann direkt nach Song Two in der – eigentlich etwas verfrühten – Auffassung der größten Teils des Stadions: „Hier gewinnt nur einer, Sankt Pauli und sonst keiner!“. Die Reaktion von der Frau neben mir war stattdessen zu ihrer Begleitung: „Wie schreibt man eigentlich Ratschkowskie„?

 

Das Spiel änderte seine grundsätzliche Richtung dadurch nicht: Beide Mannschaften spielten hart und verbissen, der Druck jetzt natürlich noch stärker auf Seiten der Leipziger. Nach einem fragwürdigen Freistoß in der zehnten Minute musste Robin sich zum ersten Mal auszeichnen. Wie ein Handballtorwart wehrte er in letzter Sekunde den Ball mit dem Fuß ab. Jetzt wechselten sich gefährliche Szenen in unserem Strafraum mit vielversprechenden Kontern ab. Nichts für Herzkranke. Das ging mächtig aufs Gemüt. Und in Kombination mit den immer launiger werdenden Wechselgesängen auch auf die Stimme.

Nach einer halben Stunde vernahm ich dann übrigens von rechts: „Ach. Wir sind die mit den weißen Trikots?“. Wer mich kennt, weiß, wie schwer es mir gefallen ist, da keinen Kommantar los zu werden. Aber für solche Nebenschauplätze war das, was da auf dem Spielfeld ablief einfach zu spannend. Kein Leerlauf, nur ein Spiel zweier guter Mannschaften mit viel Einsatz. Die Leipziger machten ein richtig gutes Spiel. Um so beeindruckender, dass wir da immer noch gegen halten konnten. Den wesentlichen Anteil daran hatte klar Robin Himmelmann. Während er einige Abstöße grandios versemmelte, zeigte er auf der Linie einige Paraden. Mittlerweile hatte die Abwehr zwar eigentlich das Meiste im Griff, schaffte es aber nicht mehr, den Ball kontrolliert nach vorne zu bringen. Für meinen Geschmack wurde zu oft der Ball einfach rausgesemmelt. Zudem spielte Ratsche einige Mal zu verspielt vor dem eigenen Strafraum.

Kurz vor Ende der ersten Halbzeit gab es dann mal wieder einen Zuckerkonter, der leider dadurch zunichte gemacht wurde, dass Thy Kilometer im Abseits stehen blieb. Schade. Da war mehr drin. Was ärgerlich war, da die weißen Boys in Brown mit mächtig Einsatz gekämpft hatten. Da wurden weite Wege gemacht: Am Ende würden die Kräfte wohl nachlassen. Da würde die Fortuna, bzw. Robin wohl einiges zu tun haben in der zweiten Halbzeit, sollte es bei den drei Punkten bleiben.

Furchtbar infantil – genau mein Ding
Wie in der ersten Halbzeit zeigte die Süd ein paar feine kleine Banner. Während es anfangs mit einem Übergrößen Banner an die „Vertriebenen“ losging, kamen dann verschiedene andere Banner zum Einsatz. Die Bedeutung der übergroßen Nähmaschine(?) muss ich mir erst noch mal ergoogeln. Die anderen Banner waren hingegen sehr klar zu verstehen. Mit „RB ist nicht OK“ dürfte es wohl zum ersten Mal in der Geschichte des Millerntors einen Banner auf der Süd gegeben haben, der einem unserer Sponsoren gefällt. Der Banner „In Eure Dose gekotzt ich habe“ ist hingegen furchtbar infantil – und genau mein Ding 🙂

In der zweiten Halbzeit war schon zu spüren, dass die Kräfte auf dem Platz allmählich schwanden. Ein klein wenig Zeitspiel war auch zu spüren: Einwürfe und Freistöße wurden jetzt nicht wirklich in Rekordgeschwindigkeit ausgeführt. Dennoch hatten wir kurz vor der sechzigsten Minute die beste Chance. Nach einem Kopfball von Ratsche konnte sich nun auch mal der gegnerische Torwart auszeichnen und zeigte – leider – die gleichen Qualitäten wie Robin. Der Ball war leider nicht drin. Also ging das zittern weiter. Nur zwei Minuten später fischte unser Keeper dann einen Ball des Gegners aus der Luft, als wollte er klarstellen, wer hier auf dem Platz der bessere Keeper ist. Unsere Jungs wurden dann etwas mutiger und gaben weiterhin alles. Obwohl bei gegnerischem Angriff oft alle 11 im eigenen 16er standen, schafften sie es gefährliche Konter zu fahren und nur kurz darauf vor dem gegnerischen Tor zu stehen.

Man musste befürchten, dass die U3 von dem Lattenknaller aus den Gleisen hüpft
Kurz nachdem Ratsche gut 15 Minuten vor Spielende vor dem gegnerischen Strafraum gefoult wurde gab es dann den nächsten Hochkaräter. Bernd Nehrig, bis dahin kaum zu sehen, semmelte der Ding dermaßen gegen die Torlatte, dass man fürchten musste, dass von den Vibrationen die U3 aus den Gleisen springt. Die Schlussphase wurde giftiger und es gab auch ein paar gelbe Karten, gehörte in Sachen Chancen aber eindeutig uns. Fafa brachte frischen Wind ins Spiel und jetzt war die Führung tatsächlich verdient. Keine Ahnung wie das klappte, aber das Stadion pushte die ausgepowerten Spieler noch mal nach vorne. Thy verpasste bereits die Vorentscheidung und Fafa traf noch mal den Außenpfosten. Die letzen füng Minuten haben wir komplett durchgesungen.

Als die drei Nachspielminuten vorbei waren, konnte das Feiern endlich los gehen. Danke, Jungs! Das war ein Fest. Einen eigentlich stärkeren Gegner verdient besiegt. Was will man mehr? Meine Meinung von Ratsche ist diesmal trotz des Tores etwas zwiegespalten. Wieder geackert wie Sau, vorne wie hinten ging er doch einige Male unnötig vor dem eigenen Strafraum ins Dribbling. Ziereis und Lasse haben auch wieder einen richtig guten Job gegen starke Leipziger gemacht. Insbesondere Poulsen war alles andere als leicht zu verteidigen. Aber eigentlich haben diesmal wieder alle richtig gute Leistung gebracht. Das Tor war beispielsweise nur möglich, weil sowohl Lenny, Buchti, Buballa und natürlich Ratsche alles richtig machten. Wieder einmal hat die Mannschaft als Team überzeugt. Gerne mehr davon.

Danke, Jungs, Danke Ewald, Danke Wetter, Danke Gegengerade, Danke Nord und Danke Süd. Das war ein Traumstart ins Wochenende. Glücklicherweise war die Stimmung auch so gut, dass nach Spielende – soweit ich mitbekommen habe – sich niemand von dem massiven Polizeiaufgebot provozieren ließ. Wird einige Mitglieder der Hunderschaften vielleicht geärgert haben, aber wenn Leipzig nach Hamburg kommt, gehen die Bullen nun mal immer leer aus. 😉

 

P.S: Danke an den Typen, der mit gesagt hat, dass meine Fahrradlampe an ist und aus der Jacke leuchtet. Sah echt blöd aus 🙂

P.S (2): Premiere: Zum ersten Mal konnte ich ein Titelbild recyceln. Gerne öfters 🙂

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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