Against all Odds

Vorab erst einmal: Sorry. Über das erste Saisonspiel habe ich gar nichts geschrieben. Das gabs ja noch nie, dass ich im Stadion stand, aber nix zu schreiben hatte; Ich hatte einfach viel um die Ohren – und ganz ehrlich: Bock hatte ich nach dem Spiel auch nicht.

Fast wie das Dende-Experiment
Aber zum heutigen Spiel. Samstag, 13:00 Uhr ist ja eine undankbare Zeit. Das bedeutet für mich aufstehen um 11:00, am Samstag! Das erinnert fast an das Dende-Experiment. Duschen, Kaffee, und los aufs Rad. Nach nur wenigen Kilometern fiel mir auf, dass ich es nicht zum Anpfiff schaffen würde. Also abgebogen Richtung Barmbek und auf die U-Bahn gewechselt. Die war Matchday-typisch randvoll. Und ich mit meinem Rad da drin so beliebt wie ein Kaktus am Nacktbadestrand. Ich habe übrigens mehr geschwitzt als auf dem Fahrrad. Heiß wie Sau und U3-typisch eben stickig.

Trotz U-Bahn kam ich erst kurz vor Knapp. Beim abholen des Frühstücks (Astra & Bratwurst) wurde bereits das „Herz von St. Pauli“ geschmettert. So kam ich also erst kurz vor Anpfiff zu meinem Stammplatz. Zum Glück ist in meine Kuschelecke am Rande zur Nord immer ordentlich Platz. So konnte ich noch vor Hells Bells meinen Platz einnehmen, die Wurst runterwürgen und das Spiel genießen. Meine Erwartungen? Schwer zu formulieren. Das Spiel gegen Stuttgart war ein Fest und blöd gelaufen, das letzte Heimspiel eine Katastrophe. Keine Ahnung, ob die Länderspielpause da genug Zeit war, das Ganze wieder in den Griff zu kriegen.

Es gab drei Dinge, die uns aufhalten konnten: Miese Fouls, Unfähige Schiedsrichter und Pech
Um es vorweg zu nehmen: Die Zeit hat gereicht. Die Boys in Brown boten ein grandioses Spiel. Es gab nur drei Dinge, die Bielefeld gegen uns aufbringen konnte: Brutale Fouls, unfähige Schiedsrichter und jede Menge Pech. Aber der Reihe nach.

Bereits in Minute eins wurde Buchtmann heftig angegangen. Das sollte eine Vorschau für das Spiel werden, genauso wie die Tatsache, dass ihre Fouls selten geahndet wurden. Zum Glück war aber auch zu sehen, dass unsere Jungs gut und mutig nach vorne spielten und auch hintern stabil standen. In Minute fünf wurde Nehrig kräftig ins Gemächt getreten. Das tat schon beim zusehen weh. Unnötig zu erwähnen, dass es dafür keinen Freistoß gab. In weiser Vorraussicht waren alle unsere Spiele von vorherein mit verstärkten Schienbeinschonern unterwegs. Ewald hatte so etwas wohl geahnt. Eine Minute später traf es dann Gonther. „Pressschlag“ wie es immer so schön heißt. Nein. Ich werde nicht alle Fouls aufzählen; Das wäre sonst auch eine Fortsetzungsgeschichte. Zwei Fouls und 4 Minuten später musste Gonther dann runter und wurde durch Lasse früher als geplant ersetzt.

Fünf Gegenspieler schwindelig gespielt
Das Spiel blieb seiner Linie aber weiterhin treu. Wenn sie nicht durch Fouls gestoppt wurden, machten unsere Jungs das Spiel. Gelegentlich konterten die Bielefelder, kamen aber eigentlich nie so wirklich in unseren 16er. Insgesamt ein extrem intensives, spannendes Spiel mit klaren Vorteilen bei uns, auch wenn Torschüsse zunächst fehlten. Nach 19 Minuten hatte die Arminia dann tatsächlich nach einem Abwehrfehler so etwas wie eine Chance. Sobiech machte aber gleich klar, wer der Chef im 16er ist. Die anschließende Ecke bot dann Ryo die Chance seine Qualität zu zeigen. Vom eigenen 16er bis zum gegnerischen Strafraum schaffte er es fünf Gegenspieler schwindelig zu spielen. Lediglich der abschließende Pass war nix. Aber was für ein Dribbling!

Kaum war die Szene vorbei, hatte Aziz Bouhaddouz die Chance auf dem Fuß fast allein vor dem gegnerischen Tor. War auch schwer anzunehmen, aber der hätte wirklich reingehen dürfen. Bielefeld kam fast ausschließlich über lange Bälle an unseren Strafraum, während wir mit flachen Pässen kombinierten. Das alles mit extrem großen Einsatz und auch Mut. Selbst Fernschüsse wagte Aziz zwischendurch. Die Anschließende Ecke führte zu einem Patzer von Sobiech und dadurch zu einem gefährlichen Konter. Bis dahin die beste Chance für den Gegner, auch wenn der Ball schlussendlich erst knapp vor der Eckfahne die Linie übertrat.

Was mir vor allem auffiel war, wie wach unsere Spieler waren. Nach Ballverlust wurde schnell jeder Konter unterbunden, indem die Passwege geahnt und Pässe abgefangen wurden. Nach einer halben Stunde hatte der Schiri sich dann wohl dazu entschlossen, dass – wenn schon die Fouls der Bielefelder nicht geahndet werden – wenigstens ein paar unberechtigte Freistöße für die Arminia her müssten. Der Stimmung tat das zunächst keinen Abbruch. Die war weiterhin grandios. Kein Wunder bei dem Wetter und bei dem, was unser Verein da auf dem Rasen bot.

Kalt wie eine Hundeschnauze
Weiterhin fehlten allerdings Torraumszenen. Hätte es geben können, wenn in der 35sten Minute der berechtigte Elfmeter gepfiffen worden wäre. Aber macht ja nix. Dann eben ohne Elfmeter, fast im Anschluss rennt Bouhaddouz am gegnerischen Torwart vorbei und schiebt ihn ins Tor. „Kalt wie eine Hundeschnauze“, wie gewisse Kommentatoren ja gerne sagen. Das hatte uns oft gefehlt. Mindestens 40% des Tors war aber auch der geniale Pass von Choi.

Endlich mal wieder Song two! Wurde auch mal Zeit! Die Party konnte starten!

Ein weiterer WTF-Moment vom Schiedsrichter
Um es ein wenig spannender zu gestalten zückte der Schiedsrichter dann kurz darauf vor unserem 16er die gelbe Karte. Aber nicht – wie es korrekt gewesen wäre – gegen den Bielefelder für eine dreiste Schwalbe, sondern gegen Sobiech, der einen halben Meter daneben gestanden hatte. Glücklicherweise war der Freistoß sehr gut getreten, aber eben noch besser gehalten worden war von Robin Himmelmann. Also weiterhin drei Punkte auf Ewalds Zettel. Wenige Minuten wurde Buchtmann dann böse umgemäht, wofür der Gegner dann einen Freist0ß bekam. Ein weiterer WTF- Momente, die der Schiri uns heute bescherte.

In der Nachspielzeit hatte Aziz noch zwei Mal eine gute Chance auf ein weiteres Tor. Keine Frage: Der Chef im Ring hatte heute die braunen Klamotten an. Die Spieler wurden somit völlig zu Recht unter Applaus in die Kabinen geschickt. Die Meinung zur Schiedsrichterleistung war da etwas differenzierter.

Kreissaal oder Millerntor? Man muss Prioritäten setzen!
In der Halbzeitpause gab es dann im wesentlich zwei erwähnenswerte Sachen, die Ewald sich bestimmt notiert hätte, wenn er denn nicht in der Kabine mit seinen Jungs am schnacken gewesen wäre. Zum einen kam eine Beluga zu Besuch. Das unförmige Ungetüm war durch die Lücke zwischen Nord- und Haupttribüne schön zu sehen. Nur gabe es für „Justus“ über die Stadionlautsprecher Glückwünsche: Er war Vater geworden. Glückwunsch natürlich auch von dieser Seite und auch Gratulation dazu, die richtigen Prioritäten zu setzen. Heimspiel ist halt Heimspiel. Da ist alles andere unwichtig. 🙂

Nöthe war auch da?
In der zweiten Halbzeit haben die Balljungen dann wohl noch Hitzefrei bekommen, Buballa musste sich selbst erst einmal einen Ball organisieren. Macht ja nix 🙂 Ausgewechselt wurde übrigens Christopher Nöthe auf Seiten der Bielefelder. Den hatte ich ja gar nicht bemerkt. Also in etwa so wie früher… In Minute 48 gabs dann die nächste schöne Schwalbe des Gegners. Wieder direkt vorm 17er, wieder belohnt mit einer gelben Karte gegen uns, nur leider diesmal mit einem Gegentor als Ergebnis. Robin hatte da leider keine Chance. Platziert an den Innenpfosten und drin. Nix zu machen.

Mit viel Wut im Bauch ging es dann wieder nur noch in Richtung gegnerisches Tor. Noch in der gleichen Minute köpfte Sobiech den Ball ins gegnerische Tor. Leider stand da noch der Torwart davor. In Minute 55 war es dann endlich soweit. Choi semmelte das Ding ins gegnerische Tor nach einem schönen zuspiel von Aziz. War aber doch nix, abgepfiffen wegen Abseits. Spoiler Alarm: War kein Abseits. Nicht mal gleiche Höhe. Allmählich fing ich an, mich zu fragen, ob das Schiedsrichtergespann nur unfähig ist, oder da doch bewusst geschoben wurde. Ich war da offensichtlich nicht allein mit meiner Auffassung, denn nachdem die nächste lächerliche gelbe Karte gegen Buchtmann verteilt wurde, schallte „Schieber“ durchs Stadion.

Ein paar Fouls und – jetzt auch gute – Torszenen später kam Jerry in der 65sten für Nehrig. Jetzt war das eigentlich nur noch Zielschießen aufs Bielefelder Tor. Aber das Ding wollte einfach nicht rein. Ryo durfte dann auch kurz raus. Er hatte bereits Krämpfe gehabt. Cenk Sahin übernahm seinen Part und setzte qualitativ direkt dort an, wo Miyaichi aufgehört hatte. Zunächst aber hatte die Arminia eine ihrer wenigen Chancen. Wurde aber nix draus. Hatte ich auch keine Angst vor. Wenn es ein weiteres Gegentor geben würde, dann nach einem Standard. Vermutlich nach einer Schwalbe.

Der Druck von uns wurde aber immer größer. Nur dieser blöde Ball wollte nicht reins ins Tor. Vor allem Aziz machte da weiterhin richtig Dampf. Allerdings kamen ab Minute 75 auch ein paar Fehlpässe dazu. Da forderte das extrem intensive Spiel wohl seinen Tribut. In Minute 78 entschied der Schiedrichter dann, dass er selbst dann nicht für uns pfeift, wenn der Linienrichter wie blöde mit der Fahne wedelt, weil er (korrekt) ein Foul gesehen hatte.

Fallrückzieher von Lasse gibt’s auch nicht jeden Tag
Einen sehenswerten Fallrückzieher von Lasse Sobiech gabs dann auch noch zu bestaunen. Gibt’s ja auch nicht jeden Tag. Hätte auch gesessen, wenn der Torwart nicht so gut reagiert hätte. Das Publikum ging auch jeden Meter mit. Das war extrem sehenswert und kämpferisch, was da auf dem Platz geboten wurde. In der 89sten Minute war das Ding dann eigentlich drin. Aber eine Traumparade verhinderte das. Doch keine Minute später war das Ding plötzlich drin. Da gabs deutlich besser rausgespielte Chancen, aber auf einmal hatten alle vergessen, dass Sahin auch mit spielt. Allein vor dem gegnerischen Torwart stocherte er den Ball rein. Wer auch immer behauptet hat, Männer könnten keine Gefühle zeigen, hat noch nie einen Siegtreffer in der 90sten Minute am Millerntor gesehen.

Rechte Faust festgewachsen
Zum Glück bewies der Schiedsrichter dann doch, dass er nicht parteiisch, sondern nur unfähig war. Lediglich zwei Minuten Nachspielzeit: War unangemessen, aber wer will sich da beschweren? Der Abpfiff erfolgte und bei Ewald schien die rechte Faust festgewachsen zu sein. Der war – wie wir – kaum mehr einzukriegen.

Das entschädigte für einiges, was wir Anfang der Saison mitmachen mussten. Die Mannschaft scheint sich zu stabilisieren und mittlerweile lässt sich die spielerische Klasse der Neuzugänge mehr als nur erahnen. Vor allem aber ist die erste Panik einmal abgewendet. Das wird noch ein langer Weg, aber er sieht gut aus. Unsicherheiten habe ich nur (aber auch nicht übermäßig) bei Hedenstad gesehen. Patzer gab es erst zum Ende, als die Kräfte schwächer wurden. Und ja. Natürlich war das nur Bielefeld, aber gerade gegen die Schwachen haben wir ja meist unsere Probleme. Jetzt also Berlin weghauen, die Liga rocken und dann wird das schon.

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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