Eine 80 prozentige Schreikrampf-Quote

Das würde ein besonderes Spiel werden: Hannover 96, der zweite Aufstiegskandidat am Millerntor in Folge. Es war aber weniger die Tatsache, dass Hannover aus der ersten Liga abgestiegen und wieder aufsteigen möchte, sondern viel mehr die alten Recken, ehemalige, Fußballgott-gleiche Ex-Spieler, die ihren Gastauftritt am Millerntor haben würden.  Zu aller erst natürlich Philipp Tschauner, der lange die unantastbare Nummer Eins bei uns war. Unvergessen sein Kopfballtor in letzter Minute. Und auch der Abgang von Sebastian Maier ist nicht wirklich lange her. Und auch Aufstiegsheld Morena war auf der Gästebank anzutreffen.

Alsterwasser für Sabbelköppe
Als Frühstück gab es diesmal keinen Döner, sondern ein Franzbrötchen auf dem Weg zu Stadion. Auf dem Heiligen-Geist-Feld standen einige halb aufgebaute Fahrgeschäfte vom Dom. Dabei wehte eine steife Brise, wie wir in Hamburch so sagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir eigentlich vorgenommen den Spielbericht „Sturmwarnung“ zu nennen. Aber dafür hätten es doch ein paar Tore mehr sein müssen. Und die Gelegenheit ergibt sich später in der Saison sicher noch mal 🙂

Im Stadion gab es ausnahmsweise mal ein Alster, weil so heißt das nun mal! Bzw. „Alsterwasser“ für die Sabbelköppe. Es soll ja Menschen (und Firmen) geben, die da irgendwas anderes zu sagen, aber um die gehts hier ja nicht. Das gepanschte Bier wurde übrigens in einem Nigelnagelneuen Becher mit dem Konterfei von Heerwagen gereicht. Blöd nur, dass der Becher jetzt dem Stadion auch schon wieder fehlt… Aber genug von den Hamburger First-World-Problems und hin zu den Second-Bundesliga-Problems: Cenk konnte glücklicherweise spielen, Lasse fehlte, weil er sich die fünfte Gelbe Karte eingehandelt hatte.

Tschaunis Ghettofaust
Die Ränge waren diesmal rappelvoll, auch der eher „gemütliche“ Bereich in dem ich mich ja gerne aufhalte. Der ein oder andere Hannoveraner hatte sich auch dazwischen geschmuggelt, da die aber – zumindest in meiner direkten Umgebung – ganz anständig waren, war das soweit in Ordnung. Bei diesem Spiel gab es einige schöne Szenen schon vor Anpfiff. So lagen vor Anpfiff noch fünf Bälle im Hannoveraner Tor. Unser Zeugwart, in Sachen Statur nicht unbedingt Usain Bolt, kam angesprintet, um die Bälle aus dem Netz zu holen. Tschauner begrüßte ihn lachend mit der Ghettofaust und half ihm beim Einsammeln der Bälle. Über den Zuruf „Gewöhn Dich schon mal dran, Tschauni!“ konnte er offensichtlich auch gut schmunzeln.

Die Hannoveraner Hymne – zum ersten Mal von mir gehört – war eine angenehme Abwechslung zum sonstigen Brei, den man von den Gastmannschaften so hört. Jetzt auch keine Offenbarung, gesanglich so eine Art Rod Steward-Imitator, aber wenigstens schon mal nix, was nach Schlager oder Volksmusik klingt.

Stürmische Ecken
Als dann endlich angepfiffen werden konnte, sah das gleich richtig gut aus. Wer befürchtet hatte, dass der Qualitätsunterschied deutlich zu sehen wäre, wie gegen Union beim letzten Heimspiel, wurde eines Besseren belehrt: Bei kräftigem Wind ging es schnell in Richtung Tschauner. Konfetti und Luftballons wehten immer wieder über das Feld. Sahin war schon in der ersten Minute im gegnerischen 16er und holte eine Ecke raus, die aber nichts einbrachte. In der Anfangsphase kamen wir einige Male vor Tschauner, aber die Abwehr war immer aufmerksam und konnte mehrmals zur Ecke klären. Auf der anderen Seite kam auch Hannover zu einigen Ecken, ohne jedoch vorher in den 16er gelangt zu sein. Der Wind war dabei so stürmisch, dass Meyer mehrmals Probleme hatte, die Ecke zu schießen, weil der Ball immer wieder vom Eckpunkt wegwehte.

Schnell war zu erkennen, dass Hannover gut geordnet in der Abwehr stand, im Angriff aber nicht viel Gefahr ausstrahlte. Gleichzeitig war aber auch zu sehen, dass uns Lasse bei den vielfachen Kopfballchancen fehlte. Echte Riesen haben wir sonst ja nicht im Team. Durch den etwas kleinlich pfeifenden Schiedsrichter gab es auf beiden Seiten gute Chancen für ein Tor nach Standards, aber beide Mannschaften konnte da nicht wirklich übermäßig viel mit anfangen. Hannover spielte relativ viele hohe Bälle, während die Boys in Brown mit klugem Kurzpassspiel – und natürlich den flinken Shain, Daehli und Sobota nach vorne arbeiteten. Die Hannoveraner wurden ab der Mittllinie mit viel Einsatz gedoppelt: Da war die Kondition in der Hinrunde eine ganz andere bei uns. Das sieht mittlerweile wirklich gut aus.

Auch die Gäste machten ordentlich Krach
Nach einer halben Stunde war der erste Torschuss des Spiels von 96 zu verzeichnen, recht trocken geklärt und Chance für einen Konter, der aber ebenso souverän von der Hannoveraner Abwehr vereitelt wurde. Beide Mannschaften zeigten viel Leidenschaft, richtig zwingende Torszenen gab es aber weder auf der einen, noch der anderen Seite. An uns lags übrigens nicht: Die Unterstützung war von uns sowieso da, aber auch die Gäste machten ordentlich Krach.

In die Pause ging es dann logischerweise mangels Torchancen mit 0:0. Rein subjektiv (logisch) fand ich unsere Leistung besser als die der Hannoveraner. In der Pause waren offensichtlich ein paar Landeier auf der Süd unterwegs, zumindest beschäftigten sich die Banner mit der Legalität von „Bullenschubsen“. Aber weg vom Acker, hin zum gepflegten Rasen:

Zu Beginn der zweiten Halbzeit igelten wir uns schnell in der gegnerischen Hälfte ein. Freistöße, Ecken, das volle Programm: Nur leider ohne zählbares Ergebnis. Ab der 50sten Minute hatten wir dann ein paar richtig hochkarätige Chancen im gegnerischen Strafraum. Die Hannoveraner wirkten zu diesem Zeitpunkt seltsam ungefährlich und passiv.  Und in Minute 56 war der Ball dann endlich drin. Nunja. Fast. Ich war schon am jubeln, nachdem Aziz den Ball an Tschauner vorbeigeschlenzt hatte, aber der Ball flog vom Innenpfosten wieder hinaus aufs Spielfeld. Der erste große Haare-raufen-Moment. Aber nicht der letzte.

Hannover hatte sich dann wohl auf Konter eingestellt zu haben. Eine halbe Stunde vor Schluss wurde Daehli und Sahin gegen Thy und Choi gewechselt, was der Spritzigkeit im Angriff leider etwas schadete. Vor allem Thy hat zwar eine sehr gute Präsenz da vorne, schnell ist er aber eben nicht. Aber es war Thy, der dann in der 71sten Minute die Chance auf sein Tor hatte. Eigentlich alles richtig gemacht, in die Ecke geköpft, aber Tschauner fischte den gerade noch so raus. „Tschauner, Du Arsch!“ war aus meiner Ecke zu hören. Ok. Ich muss zugeben, das klang verdächtig nach meiner Stimme. Nur eine Minute später bereitete Thy eine weitere Chance vor, bediente Sobota im 16er, der aufs Tor semmelte. Nur Sané verhinderte dann in letzter Sekunde den Einschlag. Aziz durfte dann auch noch mal alleine auf Tschauner ballern.

Harnik durfte auch noch mal über die Latte semmeln
Wenn Hannover dann doch mal in Richtung unseres Tores rannte, war das Thema von der Abwehr meist schnell abgehakt. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit dem einen Punkt furchtbar unzufrieden. Klar: Auf dem Papier sieht ein Punkt gegen die Mannschaft auf Platz 4 nicht übel aus, aber drei Punkte waren eigentlich mehr als angemessen. Das änderte sich dann aber fließend ab der 80sten Minute. Auf einmal fing Hannover an, mutig nach vorne zu spielen. Heerwagen war schon geschlagen und nur Ziereis verhinderte den Einschlag. Eine Minute später rettete dann der Pfosten und Harnik durfte gleich im Anschluss noch einmal vor dem leeren Tor über die Latte semmeln.

Das waren drei Fast-Einschläge innerhalb von nur 2 Minuten. So richtig zufrieden war ich damit mit dem einen Punkt zwar immer noch nicht, aber ich war zumindest froh, dass wir uns die Arbeit nicht völlig zunichte gemacht haben am Ende. Ewald sah das wohl ähnlich, denn er wechselte dann Schnecke defensiv für Waldi ein. Hannover hatte dann dennoch noch eine gute Chance, die Heerwagen aber souverän vernichtete. Die letzte Chance in der Nachspielzeit war dann aber wieder für uns. Kalla durfte am Ende auch noch einmal gegen Tschauner scheitern.

Und so blieb es dann auch beim 0:0. Klingt verrückt, aber obwohl Hannover nur eine Viertelstunde wirklich gefährlich war, musste man dann mit dem Punkt wohl irgendwie zufrieden sein. 80% des Spiels unzufrieden, dass das blöde Tor nicht fallen will und dann 20% froh sein, dass es auf der anderen Seite nicht passiert.

Das Fazit: Nächstes Jahr sehen wir uns wieder, zumindest solange wir (und Hannover) weiterhin die gleiche Leistung zeigen: Wir steigen nicht ab, Hannover nicht auf. So einfach ist das nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Könnte ich mit Leben.

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.