„Scheiß Spiel – aber schöne Choreo“

Ansätze von Schmuddelwetter begleiteten mich heute zum Millerntor. Das letzte Auswärtsspiel haben wir ja verloren, aber meine Trauer darüber hält sich in Grenzen. Auswärts verlieren – zu Hause gewinnen wäre für mich eine Taktik, die gerne aufgehen dürfte. Ein paar wenige Regentropfen begleiteten mich dann über den Dom zum Stadionvorplatz um das Frühstück (Bratwurst) einzunehmen. Dort teile ich den Tisch dann mit vier deutlich angeheiterten Nürnberg-Fans, die mir wärmstens ans Herz legen, „echt jetzt mal endlich nach Nürnberg zu kommen“. Immerhin gäbe da ja anständige Wurst. Eine Stunde vor Anpfiff wünschte ich den Auswärtigen einen schönen Heimsieg und begab mich allmählich zu den Eingängen, nicht jedoch ohne vorher die diesmal schweinedicke Doppelausgabe des Übersteigers abzugreifen. (Schickes Cover übrigens). Das ist eigentlich der Hauptgrund, Hoodies zu tragen: Die Beuteltasche ist die einzige Möglichkeit das Druckerzeugnis heile und sauber nach Hause zu bringen. Von der „verstärkten Kontrolle“  war übrigens beim Einlass nicht viel zu merken. Weder was das Abklopfen, noch was die Dauer des Anstehens anging. Schön so.

Die Hymne der Gästefäns wäre in meiner Top Ten der besten Schlaflieder ganz weit vorne. „Das Herz von St. Pauli“ weckte uns dann glücklicherweise alle wieder auf. Zu Hells Bells hoben wir dann artig die braunen Transparente. Der Anteil der „Nee, das ist doof, weil das ist ja von den Ultras, da mach ich nicht mit“-Verweigerer war glücklicherweise nur in homöopathischen Dosen zu bemerken. Überhaupt die Choreo: Ist ja nicht das erste Mal, dass ich es sage. Aber ich wiederhole mich hier mal wieder gerne: Danke dafür, Süd. Das sah mal wieder saugeil aus. Straight Outta Sankt Pauli : Jau, so geht das.

Auch ganz schick: Das Retro-Trikot unserer Mannschaft, die eine etwas überraschende Aufstellung bot. So überraschend, dass – als Marc Hornschuh angekündigt wurde, ein nicht unwesentlicher Teil des Stadions ganz automatisch nach dem „Marc“ lauthals (versehentlich) „Rzatowski!“ rief. In meiner direkten Umgebung waren sich die meisten übrigens einig, dass das Retro-Tritkot ohne Sponsor besser ausgesehen hatte. Und wenn doch, dann hätte doch wenigstens ein Wählscheibentelefon neben dem Congstar-Logo stehen müssen.

Die Gästefans fingen relativ früh mit „Scheiß St. Pauli“ an. Eine Tatsache, die hinter mir notierenswerte Zitate wie „Ich habe ja nichts gegen Auswärtsfans, aber“ hervorriefen. Aber egal. Soll sich die Kreativität der Fans, doch der der eigenen Hymne annähern. Ebensowenig kreativ war leider auch das Spiel der Braun-Weißen. Das alte Problem, bis zum 16er ganz ordentlich durchzukombinieren (sehr sehenswert übrigens mal wieder: Buballa mit Raketenantrieb), dann aber den Abschluss nicht zu machen zeigte sich mal wieder. In Minute 18 zeigte dann Nürnberg, wie leicht das gehen kann. Guter Pass in die Spitze, Tempo, Tor.

Ärgerlich. Die besseren Spielanteile waren schließlich bei uns. Aber egal. Abschütteln, weiter spielen. Die Stimmung war an diesem Punkt etwas gedrückt, aber das konnte ja auch noch alles gut werden. Auch wenn der Pessimist hinter mir klugscheißerisch bemerkte, dass wir noch nie ein Spiel gedreht haben diese Saison. Mit dem zweiten Tor von Füllkrug in der 43sten Minute kurz vor Abpfiff war die Stimmung dann kräftig unten. Natürlich kamen weiterhin Anfeuerungen, aber es schien mehr dazu geeignet zu sein, den eigenen Frust rauszurufen. Selbst die Antifa Hooligans wurden dann in der Halbzeit nur halbherzig mitgesungen.

In der zweiten Halbzeit musste Schnecke gehen und Jerry durfte stattdessen aufs Feld. Wobei Schnecke kein schlechtes Spiel gemacht hatte. Jerry zeigte seine Qualität und spielte noch besser als beim letzten Mal. Wenn er jetzt in Kombination mit Ratsche auf dem Feld gewesen wäre, … Aber Ratsche blieb leider die ganze Zeit auf der Bank. So ging die zweite Halbzeit im Großen und Ganzen so weiter wie die erste aufgehört hatte. Auf dem Feld schienen wir (wenn auch nicht deutlich) überlegen zu sein, aber die Tore machte der Gegner. Einfach. Schnörkellos. In Minute 53 stand es also 0:3. Spannender weise kam jetzt die gute Stimmung wieder. So nach dem Motto: „Ach Scheißegal. Dann wollen wir wenigstens ein wenig feiern“. Wechselgesänge auf allen Kurven, allerdings in Kombination mit Haare raufen und der Erkenntnis, dass ich meinen Neffen erstmal nicht mit ans Millerntor nehmen darf. Ganz schlimme Wörter, die da gefallen sind. Von mir. Der „Alles oder nix“ – Endspurt endete dann leider auch noch im „nix“, sprich: Wir kassierten das vierte Tor nach einer Ecke.

Nach Abpfiff gingen erschreckend viele von der Gegengerade schon direkt nach Hause oder auf den Dom. Vielleicht sind wir einfach schon zu verwöhnt in dieser Saison. Die Verbliebenen sorgten dennoch für ein wenig Gänsehautstimmung, als die Mannschaft unter den lauten Gesängen von „You’ll never walk alone“ verabschiedet wurde. Ist ja nicht so, dass man das noch nie gehört hat, aber das Gefühl nutzt irgendwie kaum ab. Ewald zeigte dabei mit der rechten Hand an Herz und Logo: Ich will da jetzt keinen übermäßigen Pathos hineininterpretieren, aber ich kauf ihm ab, dass ihn das ehrlich berührt und nicht nur eine Show ist.

Beim rausgehen dringt mir dann ein „Scheiß Spiel – aber schöne Choreo“ des Becherpfandsammlers ans Ohr. Recht hat er. Und dafür spende ich dann doch gerne. Allerdings in Euro. Der Becher geht an VcA.

Was nehmen wir mit aus dem Spiel? Erstens: Wir sind ja immer noch dritter. Zweitens: Die vier Tore von Lenny waren wohl ein Ausrutscher. Drittens: Alushi scheint durch seine Vaterfreuden an Schlafdefizit zu leiden. Viertens: Jerry hat mir extrem gut gefallen. Fünftens: Wahnsinn, wie schnell Buballa wieder rennen konnte. Sechstens: Wir haben weiterhin noch nie ein Spiel gedreht. Siebtens: Scheiß drauf.

Alles in Allem war das heute nicht gerade ein Fußballfest und wir haben verdient verloren – wenn auch das Ergebnis zu hoch war. Positiv gesehen hören jetzt vielleicht erst mal die Aufstiegssabbeleien auf. Hoffen wir mal, dass wir das gut abschütteln, vorne effektiver werden und die anderen Vereine sich das nicht zu gut abgeschaut haben, wie unsere Abwehr geknackt werden kann.

Frohen ersten Advent und hoffen wir mal, dass wenigstens das Olympia-Referendum scheitert, damit der Tag nicht völlig im Arsch ist.

Das Titelbild stammt von Lars Lou Cifer 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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