Lauter glückliche Menschen

Es gibt Dinge, die passieren in vielen Stadien: Fans, die Ihre Mannschaft bei einem Sieg anfeuern zum Beispiel. Dann gibt es Dinge, die gibt es nur in wenigen Stadien: Fans, die ihre Mannschaft bei einer Niederlage anfeuern zum Beispiel. Und dann gibt es Dinge, die gibt es nur in ganz, ganz wenigen Stadien: Wenn etwas ein Zuschauer aus der ermäßigten Zone beim Mannschaftslauf mit auf den heiligen Rasen kommt. Oder das ganze Stadion einem Schiedsrichter applaudiert und mit YNWA verabschiedet. Das passiert wohl nur am Millerntor.

Aber der Reihe nach: Zum wohl allerersten mal war ich zu spät dran. Schlicht und ergreifend verpennt. Wer stellt denn auch den Wecker am Samstag? Das würde verdammt eng werden. Also ausnahmsweise mal mit der Karre nach Barmbek; Die konnte dann stehen bleiben bis zu einem nicht näher zu nennenden Zeitpunkt, falls das heute mit Auto fahren keine gute Idee mehr sein würde. Auf dem Weg zum Stadion betete ich bereits alle vorhandenen Götter an, sie mögen die U3 beschleunigen oder alternativ den Anstoß verzögern.

Ein herzliches Dankeschön an die Bochumer Fans
Und meine Gebete wurden erhört: Bei der heute nicht wenig überraschend schnellen Eingangskontrolle (war ja sonst kaum jemand da) war bereits die Durchsage des Stadionsprechers zu hören. Die bekannte Leier, dass Pyro total doof und verboten sei. (Oder so ähnlich). In diesem Fall mal ein herzliches Dankeschön in Richtung Bochumer Fans. Ich konnte mir noch schnell das Frühstück in Wurstform abholen und war dann dennoch pünktlich zum verzögerten Anpfiff am Platz. Hells Bells und das Herz von Sankt Pauli habe ich heute verpasst. Das finde ich ehrlich ziemlich ärgerlich. Frage mich ja, ob das ohne meine Stimme überhaupt zu hören war im Stadion. Aber wenigstens vom Spiel habe ich keine Minute verpasst. Mein Stammplatz auf der Gegen war glücklicherweise noch frei. Naja. Ehrlicherweise habe ich mich einfach reingequetscht.

Robin ist ja eigentlich nur durch Kryptonit aufzuhalten
Fafa war ausnahmsweise mal von Anfang an auf dem Platz und auch Gonther musste und durfte wieder zeigen, weshalb er nun seit fast schon vier Jahren ein wichtiger Stammspieler im Team ist. Das Spiel ging gleich kräftig los, der Gegner spielte Offensiv, was uns eigentlich ja gut gefällt. Den Spielern auf dem Platz und uns auf den Rängen sowieso.  Die richtig gefährlichen Torszenen waren aber vor dem falschen Tor. Ein ums andere Mal musste Robin beweisen, dass er vermutlich nur durch Kryptonit aufzuhalten ist. Auch wenn ich mich wiederhole: Unfassbar, dass so ein Keeper so lange geduldig die Nummer zwei war. Hoffen wir mal, dass er weiß, was er an St. Pauli hat und nicht einem der garantiert vorhandenen Lockangebote verfällt.

Wo ist das eigentlich geblieben, dass man nach einem Siegtreffer nervös auf die Uhr schaut, wie lange man noch durchhalten muss?
Die Stimmung war diesmal richtig gut, aber auch irgendwie seltsam. Denn Wechselgesänge gab es diesmal nur mit der Nordtribüne. Die Süd blieb in Sachen Interaktion mit der Gegen ungewöhnlich sparsam. Macht aber nix. Das klappte auch so hervorragend. Als dann die ersten alten Herren auf der Nord die Luft ausgingen fing dann nach gut einer halben Stunde auch die Süd an, Wechselgesänge mit uns anzustimmen. Und zack! Hatte Fafa den Siegtreffer auf dem Fuß, aber leider einen starken Keeper vor sich. Das Wetter passte zur Stimmung und war unerwartet angenehm. Bewölkt, aber trocken, hin und wieder mit so etwas wie Sonnenstrahlen zwischendurch. Die Mannschaft auf dem Platz war ehrgeizig, bissig und insgesamt wacher als der Gegner. Unsere etwas offensivere Ausrichtung erlaubte dem Gegner einige gute Chancen; Simon Terode alleine hätte in der ersten Halbzeit schon für ein 0:2 sorgen können. So oder so war klar, dass ein maues 0:0 wie gegen die Eisernen heute kein Thema sein würde. Beide Mannschaften wollten vorne was Leisten.

Bis zur Halbzeitpause blieb es allerdings bei einem Torlosen Unentschieden. Bei einem sehr unterhaltsamen torlosen Unentschieden. Die zweite Halbzeit fing mit weiterhin grandioser Stimmung an und jetzt übernahmen die Boys in Brown deutlich das Kommando. Nach gerade fünf Minuten war es dann so weit. Fafa rannte nicht etwa (wie so oft) dem Gegner davon, sondern stand einfach nur Goldrichtig um gegnerischen 16er. Schnörkellos reingeschoben und dann wurde gefeiert.

Erinnert Ihr Euch noch daran, wie man nach einem Führungstreffer immer automatisch auf die Uhr geschaut hat, wie lange man das halten muss? Wo ist das eigentlich geblieben? Nicht, dass ichs vermissen würde, aber irgendwie doch ungewohnt nach der letzten Saison so völlig tiefenentspannt ein Tor genießen zu können.

Der Vfl startete das Kommando „Selbstvertrauen für Fafa
Der Führungstreffer spielte uns dann deutlich in die Karten. Bochum machte noch etwas weiter auf und wir bekamen mehr Chancen, in den gegnerischen 16er zu spielen. Gut fünf Minuten nach seinem Treffer gewann Fafa schon wieder ein Laufduell und konnte nur knapp vor dem gegnerischen Tor abgefangen werden. In der Folge begab startete der Vfl das Kommando „Selbstvertrauen für Fafa„. Zumindest wirkte es so. Denn Picault stand einige Male frei vor Riemann. In Minute 63 zeigte er dann nicht nur technische Finesse, sondern auch noch seine Qualitäten als Vorbereiter. Schade nur, dass Sebastian Maier den Zuckerpass nicht in ein Tor verwandelte. Ich hatte aber kaum Chance, mich darüber zu ärgern, denn nur eine Minute später war Fafa schon wieder durchgerannt und machte das Ding nun rein.

2:0! Song Two! Party! „That’s the way we like it“. Ach, was soll ich noch sagen. Das war einfach mal wieder ne richtig geile Party. Oder, wie der Graumelierte Herr bemerkte, als das singen gar nicht mehr aufhören wollte: „Lauter glückliche Menschen“.

Keine Ahnung, warum sich gerade in meine Ecke immer neue Gesichter auftauchen; Aber das ist auch ziemlich charmant. Und der Mann hatte natürlich völlig Recht. Da waren heute eine Menge glücklicher Menschen im Stadion. Ich war einer davon. Nach dem mauen Kick gegen Union war das echt mal wieder richtig Klasse heute.

Sensation! Wile E. Coyote besiegt den Roadrunner!
In Minute 73 durfte Robin dann noch mal wieder Terodde ärgern. Das musste so in etwa Nummer vier gewesen sein. Direkt im Anschluss gab es dann eine kleine Sensation. Wile E. Coyote besiegte den Roadrunner! Bzw. Picault verlor ein Laufduell gegen den rechten Außenverteidiger Bulut der Bochumer. Der Junge war offensichtlich platt. Würde wohl kein Hattrick mehr werden, heute. Kurz darauf war das garantiert, denn Ewald wechselte Choi für ihn ein. Für die restliche Viertelstunde änderte sich nichts wesentlichen. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, das könnte hier noch mal spannend werden. Zu gut stand unsere Abwehr und zu sicher war Robin Himmelmann im Kasten.

Am Ende der Nachspielzeit verletzte sich Patrick Fabian vom Vfl ohne Fremdeinwirkung noch ziemlich böse, so dass der Schiri sich entschloss das Spiel abzupfeifen und die Betreuer auf den Platz zu lassen. Der einzige Wehrmutstropfen in der Partie. Hoffen wir mal aufs beste. Gute Besserung auch von mir.

Und dann wurds wieder mal etwas speziell am Millerntor: Florian Meyer beendete damit seine 25-Jährige Schiedsrichter-Laufbahn und bekam doch tatsächlich ein You’ll never walk alone von uns geschenkt. Wohl das erste Mal, dass der Schiedsrichter einen wichtigen Teil meines Berichts ausmacht und ich dennoch nix zu meckern habe. 😉

Was ist das Resultat? Fafa zeigt endlich, dass er nicht nur schnell ist, sondern auch Tore schießen kann. Wäre schön, wenn das so bleibt. Dann sind wir fast wieder im Aufstiegsrennen, denn Nürnberg lässt derzeit Punkte liegen. Eigentlich viel zu weit weg, aber gerechnet wurde wieder fleißig im Stadion und auf der Rückfahrt in der U3. Das wird noch spannend. Auf jeden Fall freu ich mich auf die letzten beiden Heimspiele. Und mir graust jetzt schon vor der Sommerpause. Wie soll man das denn aushalten?

 

 

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.