Wir können auch anders!

Ich war heute um 1 Uhr noch in der Nähe von Oldenburg. Nicht viel Zeit also, um nach Hamburg zu kommen und pünktlich zum Anpffiff da zu sein. Zum Glück ist derzeit kein Dom, so dass ich direkt mit dem Auto vor das Stadion fahren konnte. Blieb nur leider das Siegerbier heute logischerweise aus.

Schicke Regenbogen-Eckfahnen
Aber der Reihe nach. Vor Anpfiff gab es ein paar Verabschiedungen, die uns teilweise echt weh tun. Dass Lenny Thy und Sebastian Meyer uns verlassen war ja bekannt. Fast hätte es geklappt, dass wir beide nächste Saison mindestens zweimal wiedersehen. Doch Thy darf mit Bremen nächste Saison erstklassig spielen (Glückwunsch dazu an die Weser); Lediglich Sebastian Maier werden wir gegen Hannover wieder sehen. Da freu ich mich schon drauf. John Verhoek werden wir nach Heidenheim verlieren und auch Enis Alushi werden wir bei der Konkurrenz sehen. Fast noch trauriger ist der Verlust der Talente Okan Kurt und Yannick Deichmann. Ich hatte gehofft, dass sie das Piratengen entwickeln dürften.

Niemand muss Bulle sein
Vor dem Spiel gab es übrigens einige Kontroversen über bunte Schuhbänder. Die Regenbogen-Eckfahnen fielen mir daher besonders auf. Sieht so aus, als hätte man gute Gespräche geführt. Ratsche war krankheitsbedingt zwar am Spielfeldrand, nicht aber in der Aufstellung. Einen Gruß von der Gegengerade gabs dennoch: „Ratsche: Niemand muss Bulle sein!„.

Mit der Gästemelodie hätten wir beim ESC noch weniger Punkte erhalten
Das Wetter war sehr ungemütlich. Massig Regen, Hagel, Wind. Aber was solls. Das letzte Spiel vor der Sommerpause. Da sollte bis Ende August Zeit sein, notfalls die Erkältung wieder auszukurieren. Es ist ja üblich am Millerntor die Gästemelodie zu spielen. Das war eindeutig der Tiefpunkt des Spiels. Mit dem Stück hätten wir beim ESC noch weniger Punkte erhalten. Danach sollte es aber stetig bergauf gehen. Ganz im Gegenteil dazu die schicke Choreo aus allen Kurven. Auch wenn ein, zwei Deppen das mit der Farbe nicht ganz verstanden haben. Kann passieren 🙂

Zum ersten Mal durfte Miyaichi von Anfang an spielen und für die nächste Saison schon mal zeigen, was wir an ihm haben. Dass es beim heutigen Spiel eigentlich um nix mehr geht war keine Sekunde zu spüren. Es gab bissige Zweikämpfe und eine tolle Sturm- und Drang-Phase von uns zu Anfang. Das erste Tor schossen dennoch die Gäste in Minute drei. Ich bin ehrlich: So egal war mir das noch nie. Ich wollte einfach nur Spaß haben. Auch wenn wir noch nie ein Spiel gedreht haben: Achselzucken, weiter.

Ewald hat Ryo absichtlich versteckt
Nur eine Minute später sorgte Ryo dann mit deinem wundervollen – ja was war das? Ein Seitenfallzieher? für den Spaß. Auf jeden Fall technisch hervorragend und schön anzusehen. Song Two war im letzten Spiel also schon mal angesagt. Passt doch. Die Stimmung war also recht früh sehr gut. In Minute 20, während wir gerade noch das Hamburger Wetter besangen, flankte Miyaichi wunderschön auf den unglaublich frei stehenden Thy. Kopfball; Aufsetzer; Tor! So allmählich bin ich überzeugt, dringend einen Spitznamen für Ryo Miyaichi zu brauchen. Den Namen werde ich wohl nächste Saison noch ein paar mal öfter schreiben. Und der Verdacht keimt auf, dass Ewald den Jungen absichtlich bis zum letzten Spiel versteckt hat, damit uns nicht ein Erstligist das Talent vor der Nase wegschnappt.

Nach einer halben Stunde wurde es auf dem Platz dann richtig bissig. Schnecke und ein Lauterer bekamen Gelb, weil sie sich zu sehr in die Haare geraten waren. Auf den Rängen hingegen war die Stimmung prächtig, obwohl der Schiri sich sehr vom Reklamieren beeinflussen ließ. Das Spiel blieb hochklassig mit klaren Vorteilen bei unserer Mannschaft. Die Gäste schafften es wenn, dann nur mit Einzelaktionen und Kontern vor unser Tor zu kommen. Und dort war dann ja noch Robin Himmelmann. Der war dann kurz vor Ende der ersten Halbzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber weniger, weil er einen schweren Ball halten musste, sondern weil er von einem Lauterer Spieler rüde abgeräumt wurde. Zum Glück konnte er hinterher weiter spielen. Der Gegenspieler hingegen war mit der gelben Karte noch sehr gut bedient.

Das klang wie Marlon Brando nach 20 Whiskey
Es gab also jede Menge Grund zu feiern und gleichzeitig auch Szenen um sich aufzuregen. Das Ergebnis war, dass ich bereits zur Halbzeit klang wie Marlon Brando nach 20 Whiskey. Los Fastidios in der Halbzeitpause verbesserte diese Situation auch nicht gerade.

Zur zweiten Hälfte gab es schönsten Sonnenschein und stark beginnende Lauterer. Es dauerte aber nicht lange, dann standen wir wieder vor dem gegnerischen Tor. Miayichi (mal wieder) scheiterte aus unmöglichem Winkel nur knapp an der Latte, nachdem er von Maier traumhaft bedient worden war. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. In Minute 55 klappte es dann. Mein neuer Lieblingsjapaner versenkte das Ding. Nicht nur die Tore haben mir gefallen, sondern vor allem dass er Tugenden ins Spiel bringt, die uns in letzter Zeit gefehlt haben: Mutig sein, einfach mal machen anstatt den Ball ins Tor zu zaubern. Tolles Ding. 3:1.

So einen Jubel wird Mario Götze nicht mal nach einer kompletten Saison erleben.
In Minute 70 gab es dann einen Höllenlärm als der doppelte Torschütze ausgewechselt wurde. So eine Begeisterung beim ersten Spiel: Das wird ein Nationalspieler wie Mario Götze vermutlich nach einer ganzen Saison bei den Bayern nicht erleben. Gut so. Packt den Jungen warm ein. Der soll sich wohl fühlen bei uns und nicht mal im Traum daran denken, wo anders hinzugehen.

Direkt im Anschluss durfte Maier dann auch noch sein Abschiedstor schießen. Vier Tore am Millerntor. Wo gibts denn sowas? Fußballparty pur! Man kommt ja aus dem Feiern gar nicht mehr raus.Nun. Zumindest bis zur Minute 75. Da zeigte ein Lauterer einen wirklich schicken Distanzschuss, den Robin leider nicht halten konnte. Aber mal ehrlich: Kein Grund mit dem Feiern aufzuhören. Das Ding war sicher. Wie sehr ich recht hatte, zeigte nur kurz darauf Buchtmann, der mit einem harten Schuss den drei Tore-Abstand wieder herstellte. Jetzt waren noch gut zehn Minuten zu spielen, aber einen kurzen Moment wünschte ich mir eine 90 minütige Verlängerung. Kann das letzte Spiel der Saison geiler sein? Choi durfte dann auch nach einem sehr guten Spiel vom Platz um unseren Flitzer Fafa aufs Feld zu lassen. Dessen Sprintstärke hat sich offensichtlich herumgesprochen. Besonders eine Szene, wo vier Abwehrspieler auf Fafa zurennen, obwohl dieser zwar anspielbereit ist, den Ball aber gar nicht bekommt und somit Maier den Platz bekommt mit dem Ball relativ unbedrängt in den gegnerischen 16er zu rennen.

Die ganze Argumentationskette fürn Arsch
Irgendwann ertappte ich mich dabei zu rufen „Los! Macht Nummer 6!„. Kann mich irgendwie nicht daran erinnern, dass jemals schon mal gerufen zu haben. Und mich erfasste die Erkenntnis, dass ich mein Saisonfazit revidieren musste. Ein „Wir konnten diese Saison einfach kein Spiel drehen“ war nach dem heutigen Spiel nicht mehr drin. Die ganze Argumentationskette, warum wir nicht aufgestiegen sind fürn Arsch. Na. Gibt schlimmeres.

Der Schiedsrichter pfiff dann überpünktlich ab. Schade eigentlich. Hätte ruhig noch etwas länger dauern dürfen. Nach dem Abpfiff gab es dann noch einmal großen Jubel, als durchgesagt wurde, dass Leipzig verloren hatte. Abprospos Jubel: Ratsche bekam auch ordentlich Applaus bei der Ehrenrunde. Und durfte sich sogar noch eine Ratsche-Maske vom nördlichen Ende der Gegengerade abholen. Sah gut aus 🙂

Noch können wir aufsteigen
Die Mannschaft verabschiedete sich mit einem Tross von Kindern und dem Banner: „Nur ein Wort: Vielen Dank„. Grammatikalisch nicht ganz korrekt, aber ich gebe das gerne genau so zurück: Das war eine tolle Saison. Und die Sommerpause wird mal wieder unfassbar lang sein. Die EM kann da nicht mal ansatzweise als Methadon gelten.

Ganz neue Rechenbeispiele wurden am Ende in der Kurve diskutiert: Wenn jetzt keiner mehr dieses widerliche Zeug aus Österreich trinkt (Ihr wisst schon: Die geschlachteten Gummibärchen), würde RB pleite gehen; Leipzig damit keine Lizenz für die erste Liga und wir würden ganz klar Nachrücken. Fußballgott? Dein Einsatz! Wäre höchst verdient!

Das Titelbild stammt von Jürgen Telkmann (CC-BY-NC) 

 

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.