Sonnenschein macht träge

Dienstag Abend am Millerntor. Dienstagabend? Was ist denn das für ein Blödsinn? Wer denkt sich denn sowas aus? Sei’s drum: Bei strahlendem Sonnenschein ging es per Pedes nach St. Pauli. Es war tatsächlich so warm, dass ich auf Pullover und Jacke verzichtete. Trotz des blöden Termins war gut was los; Die bewachten Fahrradparkplätze waren rappelvoll gefüllt und auch vor dem Eingang der Gegengerade war recht langes Warten angesagt.

Während des Wartens waren einige Leute mit „Hayir“ – Broschüren unterwegs. Kein Wunder, war es doch auch ein besonderer Tag: Über dem Stadiondach wehte eine Deniz Naki-Fahne und auch die Stadionzeitung widmete sich in großen Teilen unseren ehemaligen Spieler. Ach, was heißt Spieler? Herz, Seele, Fußballgott und noch so vieles mehr.

Gegen jede Vernunft aber mit einer Menge Integrität war der nämlich nicht aus der Türkei geflüchtet, sondern war vor Gericht erschienen, um sich im Verfahren wegen „Terrorunterstützung“ zu verteidigen. Sein Verbrechen? Er hatte einen Sieg den Opfern eines türkischen Angriffs gewidmet. Na, Jeder Despot interpretiert „Terror“ wohl ganz individuell. Der syrische und türkische Machthaber scheinen da auf einer Wellenlinie zu liegen.

Der größte Teil des Stadions (mich eingeschlossen) drückte Naki die Daumen. So oder so lachte uns die Sonne entgegen. An vieles hatte ich gedacht, aber dass ich eine Sonnebrille oder Bascap Anfang April mit ins Stadion mitnehmen zu müssen: Das war nun nicht auf meiner Liste. Apropos Liste: In der Aufstellung war wieder fast alles beim Alten. Cenk war ebenso auf dem Platz wie Aziz. Das ließ doch – vor allem nach dem müden Auswärtskick gegen Aue – hoffen. Und Sandhausen sollte in der momentanen Form zu schlagen sein.

Das Stadion füllte sich etwas verzögert, viele Zuschauer kamen offensichtlich erst nach Feierabend ans Millerntor. Nach und Nach füllte sich das Stadion jedoch, so dass am Ende wieder über 29.000 Menschen auf den Tribühnen standen bzw. saßen. Beide Mannschaften störten früh und pressten offensiv, wobei sich beide Abwehrreihen keine Blöße gaben.

Es war von Minute eins an ein sehr schnelles Spiel. Ohne großes Mittelfeldgeplänkel ging es mal in die Eine, mal in die andere Seite. Den ersten Torschuss – leider direkt auf den Torwart – von Nehrig gab es bereits in Minute 7. Das sah doch schon mal ganz ordentlich aus. Nur wenige Minuten später lief Waldi nach einer schönen Flanke alleine auf den gegnerischen Torwart zu, wurde dann aber durch eine Grätsche gebremst: Notbremse, Rot. Ab jetzt also in Überzahl.

Überzahl? Hatten wir doch schon mal? Genau. Im Dezember. Gegen Bochum. Damals eine gute Stunde, diesmal 80 Minuten. Damals bliebs beim Unenentschieden. Ganz schnell verdängen den Gedanken. Diesmal war gefälligst alles anders. Allerdings sah das auf dem Platz erst einmal wenig positiv aus. Sandhausen wechselte früh einen Stürmer für einen Angreifer und der Schwung war dann irgendwie raus. Sandhausen wurde vorsichtiger, und wir konnten da irgendwie wenig mit Anfangen.

Das Spiel wurde zunehmend träger, Angriffe wurden abgebrochen, selbst Cenk flitzte nicht mehr wie sonst. Vor allem wurden viele Bälle hoch in den gegnerischen 16er geflankt, was aber eigentlich immer gut von den Sandhäusern abgefangen wurde. Auch auf den Rängen waren viele mehr damit beschäftigt, die Sonne zu genießen, als zu singen. In Minute 23 wurds dann plötzlich doch wieder interessanter: Buballa prüfte mit einem Distanzschuss den gegnerischen Keeper, der den Ball nur Abprallen lassen konnte. Aziz erwischte dann im Volley-Nachschuss leider nur die Latte.

Das blieb aber die Ausnahme. Meist stand der Gegner mit allen 10 Mann in der eigenen Hälfte und die Boys in Brown versuchten hinten rum eine Lücke zu finden. Zusätzlich foulten die Sandhäuser ziemlich viel. Hin und wieder im Bereich der gelben Karte, meist aber eben nur ein Freistoß: Nicht unsere Stärke und bremste den Spielfluss leider massiv. So ging es eben unentschieden in die Pause.

Nach der Pause kam dann Thy für den unscheinbaren Choi. Wobei Lenny derzeit auch nicht wirklich eine große Verstärkung ist. Da hätte ich mir eher Schneider gewünscht, der in Aue schon mit seiner Einwechslung „aus dem Nichts“ für ordentlich Alarm gesorgt hatte.

Die zweite Halbzeit ging dann eigentlich genauso weiter: Wir machten das Spiel, Sandhausen stand defensiv und war einfach nicht zu knacken. Erst in den letzten 20 Minuten kam dann wieder anständige Torgefahr. Die größte von Nehrig, die vom Gegenspieler erst direkt auf der Linie geklärt wurde. In der letzten Viertelstunde versuchten wir dann, den Ball einfach mal direkt ins gegnerische Tor zu brüllen. Klappte aber leider nicht. Das war irgendwie total frustrierend: Überzahl, jede Menge Ballbesitz und doch keine echte Torgefahr.

Zehn Minuten vor Schluss kam dann Schneider rein für Nehrig. Und er machte – wie in Aue – ganz anständig Alarm. Der dürfte ruhig mal länger spielen, meiner Meinung nach.

Zum Ende mehrten sich dann die Torraumszenen, nur rein wollte der Ball einfach nicht. Und am Ende blieb es dann beim 0:0 mit der Erkenntnis, dass wir einfach nicht in Überzahl können. Vielleicht wars auch wirklich einfach das gute Wetter. Das würde Hoffnung machen, denn das gibt es ja eher selten am Millerntor.

Die nächsten beiden Heimspiele bin ich übrigens leider raus. Da ist meine „andere“ Familie dran. Ich werde also erst beim letzten Heimspiel wieder berichten.

 

Das Artikelbild ist CC-BY-SA optische_taeuschung

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.