Schon etwas gruselig

An Halloween soll man sich ja gruseln. Zumindest ein bisschen. Am Millerntor kann ich da aber eigentlich gerne verzichten. Am späten Abend kam ich also – endlich mit leuchtendem St. Pauli-Logo am Fahrradreifen in ungewohnter Dunkelheit am Millerntor an: Zeitumstellung eben.

Etwas Schiss hatte ich schon
Nach dem Pokalspiel gegen die Hertha war ich etwas zwiegespalten. Einerseits haben unsere Jungs anständig gespielt, andererseits erwartete uns ein starker Gegner. Etwas Schiss hatte ich schon. Das Stadion war sehr gut gefüllt. Genauer Gesagt: Bis auf den letzten Platz. Nicht wirklich ungewöhnlich bei uns. Obwohl Montagsspiel und letzter Tabellenplatz: Andere Stadien sind da nicht mal halb voll.

Die Stimmung war von Anfang an sehr gut. Der Kampf beim letzten Pokalspiel wurde offenbar honoriert. In der Aufstellung gab es schon wieder einige Änderungen: Lasse war wieder fit und spielte deshalb logischeweise von Anfang an. Auch Hedenstad war wieder dabei. Vorne durfte heute Sahin sein Glück zusammen mit Marvin Duksch versuchen. Brian Koglin durfte zum zweiten Mal von Anfang an auflaufen, während mit Richard Neudecker mal wieder ein Spieler auf der Anzeigetafel stand, an dessen Namen man sich erst einmal gewöhnen muss.

Buchtmann sagt „Herzlichen Dank“
Unsere Jungs machten im Prinzip da weiter, wo sie gegen die Hertha aufgehört hatten: Mutig und mit viel Einsatz gegen Ball und Gegner. Bereits in Minute zwei ging ein Schuss von Duksch nur knapp am gegnerischen Tor vorbei. Eingeleitet durch einen Zuckerpass von Sahin und abgelegt von Ryo. Eine Minute später wurde Sahin dann böse umgemäht. Glücklicherweise ohne bleibende Schäden, auch wenn es zunächst anders aussah. Die Nürnberger waren – wie man es gewohnt ist – von Anfang an überhart bei der Sache. Der Schiri ließ da meiner Meinung nach deutlich zu viel durchgehen.

Nach nicht gerade mal fünf Minuten waren wir dann in Führung. Vom Gegner bedient sagt Christopher Buchtmann „Herzlichen Dank“ und verlädt den gegnerischen Torwart. Sauber! Aber direkt nach Song Two sprach auch schon das kleine Teufelchen auf meiner Schulter zu mir: „Viel zu früh“.

Warum fallen Tore gegen uns immer so leicht?
In der elften Minute donnerte Miayichi beim Kopfballversuch mit dem Gegner zusammen. Die Folge war ein Freistoß an gefährlicher Position für Nürnberg und eine Gehirnerschütterung für Ryo. Zum Glück wurde aus dem Freistoß nichts. Wohl aber was aus der Ecke nach 20 Minuten. Warum fallen Tore gegen uns eigentlich immer so leicht?

Auf jeden Fall war das Selbstvertrauen dann erst mal so richtig weg. Der Gegner biss sich in unserer Hälfte und viel zu oft in unserem 16er fest. Zwischenzeitlich lag jeder unserer Spieler einmal verletzt am Boden. Nicht immer gefoult, oft einfach nur blöd zusammengeknallt.

Fast 20 Minuten nach seinem Zusammenstoß sackte Ryo plötzlich zusammen und war plötzlich völlig neben der Spur. Das sah alles andere als gut aus.

Sahin, irgendwie wie Ratsche
In der Folge bestätigte sich leider meine Erfahrung in Sachen Angsthasenfußball: Von da an spielten wir wieder relativ Kopflos. Ich werde nie verstehen, warum uns Führungstreffer kein Selbstvertrauen geben, sondern eher das Gegenteil. Und wenn es dann mal gute Chancen gab, wurden sie vertändelt. Gerne von Sahin, der in schöner Regelmäßigkeit zauberte, der zwei Spieler gut ausstiegen ließ, dann aber so lange dribbelte, bis die Gegner in Überzahl waren und der Ball schließlich weg. In diesem Moment musste ich an Ratsche denken. Der war in seiner ersten Saison bei uns sehr ähnlich: Technisch stark, aber viel zu verspielt. Hoffen wir mal, dass Sahin eine ähnliche Entwicklung durchmacht und den Ärger irgendwann wieder weg.

In der zweiten Halbzeit war das Spiel nicht sonderlich schön anzusehen. In Minute 50 knallten Himmelmann und Avevor zusammen, zu Glück war Himmelmann dann bereits für den Nachschuss wieder auf dem Posten, während im 16er das pure Chaos herrschte. Avevor lief danach eine ganze Weile unrund, kämpfte sich aber durch. Wie eigentlich die ganze Mannschaft viel Einsatz zeigte und sich auch nach bösen (meist nicht gepfiffenen) Fouls wieder aufrappelte.

Himmelmann verdingte sich als Masseur
In der 60sten zeigte dann Himmelmann Multitasking-Fähigkeiten. Fast gleichzeitig verdingte er sich als Masseur, als Nehrig einen Krampf bekam um dann direkt im Anschluss beim gegnerischen Angriff wieder im Tor zu stehen. Das Spiel wurde jetzt deutlich offener. Wir wagten mehr, hatten gute Chancen, boten damit dem Gegner aber auch mehr Raum. Und in der 66stigen zeigt der gegnerische Keeper ausgerechnet auch noch zwei Traumparaden. Das Spiel gehörte dann eine ganze Weile nur uns mit druckvollen Angriffen, bei denen lediglich der letzte Pass immer zu ungenau war. Vor allem Sobota machte richtig Alarm. Und auch wir brüllten uns wieder verstärkt die Seele aus dem Leib.

In der 80sten Minute nach einem hervorragenden Abstoß von Himmelmann und einem Sprint stand Sahin dann alleine vor dem gegnerischen Keeper und entschloss sich für einen Rückpass. Ein ganzes Stadion stöhnte simultan auf. Ich will mich auch gar nicht auf Sahin einschießen: Wie alle anderen hatte er richtig durchgepowered und war einfach komplett fertig. Dennoch: Er hätte der Held werden können. Das war so abartig enttäuschend.

Im Anschluss hatte Nürnberg, die schon lange auf Zeit spielten und offensichtlich mit einem Punkt zufrieden waren einen Freistoß an der Strafraumgrenze. Glücklicherweise konnte sie weder diesen, noch die anschließenden Ecken nutzen.

Was für ein Fazit ziehe ich? Gut gekämpft, (fast) nix genützt. Unsere Abwehr war links mit Avevor und Koglin ohne Fehl und Tadel, rechts hatte Hedenstad einen ziemlich miesen Tag. Vorne machte Sahin leider den Ratsche der ersten Saison und Duksch war körperlich schlicht unterlegen. Der Einsatz stimmte eigentlich bei allen, aber es fehlt diese Saison einfach an Qualität.

Geheime Insiderinformationen
Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe ist Meggi bereits gefeuert worden. Ich weiß ehrlich nicht genau, was ich davon halten soll. Zumindest in der Kurve war die einhellige Meinung, dass er gerne weitere Spieler geholt hätte, aber nicht durfte. Andererseits: Nicht jeder hat so geheime Insiderinformationen wie ich 🙂

Da machte es eigentlich keinen Sinn ihn zu feuern. Das einzig Positive daran ist, dass Ewald damit noch etwas Verlängerung erhält – als wenn wir so etwas bräuchten. Ich bin sicher, die meisten würden auch in Liga drei an unserem Trainer festhalten. Der Vorstand kann sich nächste Woche vermutlich bei der Mitgliederversammlung vermutlich was anhören. Die Sponsorwahl war ja auch nicht immer nur glücklich. Wer St. Pauli zu einem primär finanziellen Erfolgsmodell umbauen will und dafür unsere Seele vernachlässigt, hat nicht sonderlich viele Fans.

Zweckoptimismus
Aber genug der negativen Gedanken. Ich alter Zweckoptimist glaube, die Kurve können wir noch kriegen, wenn der Einsatz so bleibt und uns nicht alle Nase lang unsere Spieler verletzt vom Platz fliegen.

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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