Ein geiles Spiel (ohne Happy End)

Freitag Abend, Arschkalt, Dunkel, Freund und Helfer an jeder Ecke. Gibt eigentlich besseres zu tun, als quer durch die Stadt zu radeln. Gefühlt waren überall schwer bepackte Uniformierte anzutreffen. An der Alster, bei Planten un Blomen und beim Messegelände. Vermutlich Tests für das OSZE-Treffen.

Am Stadion war dann in Sachen Staatsmacht nicht mehr los als sonst, vielleicht sogar weniger. Im Stadion war dann erst einmal wenig zu hören. Offensichtlich war da wohl jemand ans Mischpult gekommen, die Lautsprecher blieben ruhig. Das war zunächst einmal recht angenehm, da so weder die Deezer-Werbung, noch die Hymne der Gäste zu hören war. Dennoch: Der erste Gedanke war: Schlechtes Omen.

Ging gut los
Kurz vor Anpfiff gingen die Lautsprecher dann aber wieder. So konnte sowohl „das Herz von St. Pauli“, als auch „Hells Bells“ ertönten dann wieder komplett aus allen Ecken. Die Gäste aus Lautern zeigten ein klein wenig Pyro, was aber fast ausschließlich aus Rauchschwaden bestand. Direkt vor Anpfiff gab es eine Schweigeminute für die verunglückten brasilianischen Fußballer, die tatsächlich nur etwas mehr als 20 Sekunden dauerte.

Verletzungsbedingt gab es bei uns einige Änderungen. So durften Joel Keller und Richard Neudecker von Anfang an spielen. Aus der Not geboren, aber in meinen Augen eine Stärkung der Mannschaft. Das Spiel unserer Jungs startete offensiv und aggressiv. Der Gegner agierte ähnlich aggressiv, jedoch nicht mit dem gleichen Willen. Insbesondere die Unterstützung der Mitspieler gefiel mir bei uns sehr gut. Es wurde früh gepresst und die Mannschaft wirkte insgesamt ungewohnt mutig. Nach gerade zwei Minuten schoss Neudecker aus der Ferne nur knapp am gegnerischen Tor vorbei. Das ließ sich doch ganz gut an.

Die gegnerischen Fans fielen vor allem durch diverse Wurfgeschosse auf
Sehr früh schon lagen Nehrig und Neudecker verletzt am Boden. Das konnten wir nun mal gar nicht gebrauchen. In beiden Fällen aber glücklicherweise wohl nichts ernstes. Unser Team spielte extrem variabel, insbesondere im Mittelfeld und Sturm wechselten die Jungs ständig die Position. Nach Ballbesitz ging es immer schnell nach vorne und mit Mut aufs Tor. Das zog sich durch die ganze Mannschaft. Und eigentlich unerklärlich. In der achten Minuten versuchte sich Choi an einem Lupfer, der aber übers Tor ging. Zwei Minuten später hatte Lasse dann den Führungstreffer auf dem Kopf, der Ball entschied sich aber an der Latte abzuprallen.

Der Gegner wurde weiterhin sehr gut eingeschnürt und kam fast ausschließlich durch die seltenen Konter zu Chancen. Das dann aber teilweise recht gefährlich. Die Stimmung war phantastisch. Kein Wunder: Es gab ja auch ein richtig gutes Spiel zu sehen. Aufregen konnte man sich höchstens über die ein- oder andere Schiedsrichterentscheidung, die aber im Großen ganz in Ordnung waren, und über die gegnerischen Fans, die gefühlt jede Ecke vor ihrer Kurve nutzen um unsere Spieler mit Bechern und ähnlichen zu bewerfen.

Zum Heulen
Nach gut 20 Minuten war der Ball dann endlich im gegnerischen Netz. Eine schöne, punktgenaue Flange von Choi auf Aziz, der dann den Ball om die Ecke köpfte. Leider nur leider im Abseits. In der 27sten Minute gab es dann gleich die doppelte Katastrophe. Gonther erwischte neben viel Ball auch etwas Bein des gegnerischen Spielers im eigenen 16er, was einen Elfmeter zur Folge hatte. Gleichzeitig hatte sich Robin verletzt und musste schließlich vom Platz. Wobei war nicht zu erkennen. Es war zum Heulen.

Phillip Heerwagen musste dann ohne jedes Aufwärmen ins Tor um das unmögliche zu schaffen. Obwohl wir alle ihm zujubelten: Eigentlich erwartete niemand, dass er das halten würde. Doch er sprang dann nicht nur in die richtige Ecke, der Ball flog auch noch knapp am Tor vorbei. Puh. Durchatmen. Tief einatmen und mit dem ganzen Stadion lauthals „SANKT PAULI“ anstimmen. Nach 36 Minuten durfte dann der Keeper auf der anderen Seite beweisen, dass er auch seine Stärken hat. Vegar zeigte sich unbeeindruckt von dem fliegenden Becher und Feuerzeug, bediente Nehrig Mustergültig, der den Ball unter die Latte köpfte. Noch so gerade eben schaffte es der gegnerische Keeper den Ball über das Tor umzuleiten. Kurz vor der Halbzeitpause durfte sich dann auch Aziz noch einmal versuchen, schoss den Ball aber Volley über das gegnerische Tor.

Es war eine sehr ansehnliche Partie und die Halbzeitpause zum Luft (und Bier) holen willkommen. Heerwagen machte mir da noch etwas sorgen, einige Bälle waren doch sehr unglücklich weggebolzt worden.

Die zweite Halbzeit startete so schwungvoll, wie die erste geendet hatte. Und nach nur einer Minute war der Ball – nicht – drin. Innenpfosten, parallel zur Torlinie und dann doch irgendwie weg. Das war doch nicht zum aushalten! Was zum Teufel haben wir nur verbrochen, dass der Fußballgott uns dermaßen ungnädig ist? Es folgten weitere gute Chancen, anfangs fast im Minutentakt. Wir blieben spielbestimmend und – vor allem Bernd Nehrig – gallig. Das war heute kein Vergnügen gegen uns zu spielen. In der 68sten hatte dann neben Nehrig auch Aziz eine gelbe Karte: Beim Versuch, den Ball per Fallrückzieher ins gegnerische Tor zu bekommen, traf er mit dem Fuß seinen Gegenspieler. Keine Absicht, aber dennoch in Ordnung die Karte.

In der 70sten mussten wir dann dafür sorgen, dass der Gegner eine Chance bekommt. Keller spielte einen völlig verunglückten Rückpass. Zum Glück war unser Ersatzkeeper auf dem Kasten, rannte heraus und sicherte den Ball vor dem Gegner. In Minute 75 musste Nehrig dann raus. Vermutlich verletzungsbedingt. Das können wir ja nun gar nicht gebrauchen. In der 85sten patzte der frisch eingewechselte Duksch dann auch noch. Glücklicherweise ohne echte Konsequenzen.

Stani, bitte bleib in Deinem Supermarkt
Das war ein Spiel wie so oft am Millerntor diese Saison: Eine Mannschaft spielt mehr oder weniger alleine, die andere kann nur dagegen halten. Der einzige Unterschied: Diesmal waren wir die deutlich überlegene Mannschaft. Hat dennoch nicht gereicht. Das einzige was an diesem Spiel nicht passte, war das Ergebnis und natürlich – mal wieder – die Verletzungen. So oder so hat die Mannschaft eine Menge Werbung für sich – und vor allem für Ewald Lienen gemacht. So viel Mut und Einsatz aus einer Mannschaft im Tabellenkeller zu holen: Das könnte ein Neuer sicher nicht besser. Und auch taktisch war die Mannschaft gut auf den Gegner eingestellt.

Und um das mal klar zu stellen: Bei aller Sympathie für Stani, was die aktuellen Gerüchte angeht: Bleib bitte in Deinem Supermarkt. Wir wollen Ewald behalten.

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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