Neue Gesichter und alte Tugenden

Also doch keine B-Serie. Pokal-Aus gegen die Hertha. Mit etwas anderem hatten wohl auch nur ganz große Optimisten gerechnet. Es hat dennoch Spaß gemacht, zuzuschauen, auch wenn vieles Anfangs dagegen sprach. Zunächst einmal natürlich die Uhrzeit. Quasi mitten in der Nacht wurde erst angepfiffen. Dann hatte sich am Morgen auch noch mein Fahrrad entschieden, spontan die Kette abzuwerfen. Es blieb also nur ein Ausweichen aufs Auto. (Öffis kann man von Bramfeld nach St. Pauli quasi vergessen, vor allem spät in der Nacht). Das wiederum bedeutete, dass weder ein Kantersieg, noch eine schlimme Niederlage gebührend gefeiert, respektive ertränkt werden konnte.

Wenigstens ein unverkateter Start 
Ich hätte also getrost beim St. Pauli Kaffeekränzchen mitmachen können. Egal. Gabs wenigstens einen unverkaterten Start in den nächsten Arbeitstag. Im Stadion gab es dann das typische Bild einer DFB-Veranstaltung: Alles „neutralisiert“. Die weißen Wände der Süd waren von mir aber völlig irrtümlich als Folge dieser Maßnahme eingeschätzt worden. Zum Anpfiff und zu Hells Bells wurde die Bande aufgestellt. Die Stimmung war sehr gut, trotz – oder wegen – Ewalds „Wutrede“, die erst kurz zuvor veröffentlicht wurde. Man merkte aber auch – wie oft bei solchen „populären“ Veranstaltungen, dass doch viele Besucher da waren, die sonst eben nicht im Stadion sind. Und dementsprechend nicht sonderlich Textsicher waren.

 

Wer will auch schon nach Hause, wenn er in Berlin wohnt? 
Als die Berliner Hymne gespielt wurde „Nur nach Hause gehn wir nicht“ war es an meinem Platz auch schon rappelvoll. Auch ein klassisches Zeichen von „Stadion-Touristen“. Richtung Nord ist ja eher der flauschige Bereich, da verirren sich eher die gemütlichen Fans hin 🙂 Apropos: Respekt für diese Hymne. Wenn ich aus Berlin kommen würde und in Hamburg wäre, würde ich auch nicht nach Hause wollen. Aber das gleich offen so lautstark zuzugeben: Da gehört schon eine gehörige Portion Selbstreflektion zu. Ansonsten war von den Gäste-Fans zwar viel zu hören, aber irgendwie nie auch nur ein Wort zu verstehen.

 

Hamburger Wetter aus Berlin 
Ziemlich bald nach Anpfiff fing der Gästeblock dann an, typisches Hamburger Wetter zu produzieren: Vor lauter Neben durch die Pyro konnte ich den Berliner Torwart nicht mehr erkennen. Der hatte ohnehin keinen leichten Stand, da er im verhassten „HSV-Rosa“ auf den Platz gelaufen kam. Meine Hoffnungen, dass er vor lauter Qualm mit tränenden Augen den ein oder anderen Ball durchlässt wurden aber leider nicht bestätigt.

Die Prognosen gingen von optimistischen „Ewald hat Elfmeterschießen üben lassen„, über „drei Gegentore wären noch Ok“ und „Hauptsache sie kämpfen“ bis hin zu fatalistischen „alles unter zweistellig wäre ein Erfolg„. Auf dem Platz zeigten die Boys in Brown dann vor allem eins: Herz und Mut. Ob es an der Rede gelegen hatte, am Gegner oder an den vielen frischen Gesichtern: Keine Ahnung.

 

Wir können ja noch üben 
Da war bei weitem noch nicht alles perfekt und es gab deutlich mehr als nur einen Fehlpass. Aber im Gegensatz zu den letzten Spielen wurde diesmal nicht abgeschaltet. Es wurde hinterher gehetzt, nach vorne und nach hinten gerannt und gebissen. Eigentlich genau das, was unser Trainer kurz zuvor noch verlangt hatte. Es gab auch gute Chancen der ungewöhnlich zusammen gewürfelten Mannschaft: Miyaichi spielte von Anfang an, was ja schon mal eine echte Seltenheit ist und auch Litka ist ja nun nicht gerade Stammspieler. Dann gab es noch ein ganz frisches Gesicht: Brian Koglin durfte, bzw. musste ran, nachdem sowohl Schnecke als auch Lasse nicht spielen konnten. Klassischer Fall von „Aus der Not eine Tugend machen“. Das Debüt war höchst anständig. Noch nicht perfekt und auch nicht ohne Fehlpässe und als Abwehrspieler kann man sich ja ohnehin selten wirklich spektakulär auszeichnen, aber das war schon ganz ordentlich. Insbesondere wenn man den Druck bedenkt, den dann ausgerechnet ein Pokalspiel bedeutet. Dass er auch gleich 90 Minuten durchgespielt hat, sagt für einen Neuling bei so einem intensiven Spiel auch einiges aus. Was er allerdings noch nicht mitmachen durfte war das laute mitrufen des Namens bei der Aufstellung. Das kam einfach zu überraschend und der Stadionsprecher hatte den Vornamen genannt, bevor der Nachname an der Tafel stand. Aber wir können ja noch üben 🙂

 

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Trotz des Kampfes der Mannschaft war der Klassenunterschied schon deutlich erkennbar. Kein Wunder, zweite Liga Abstiegsposition gegen erste Liga Bayernjäger. Dennoch: Ich war sehr zufrieden mit unserer Mannschaft. Auch wenn ich es extrem befremdlich finde, in einem DFB-Spiel gegen die Hertha ausgerechnet durch Konter zu verlieren. Defensiv können wir wohl einfach nicht so wirklich diese Saison.

 

Grunzlaute aus dem Gästeblock
Zur Halbzeitpause war die Stimmung auch – trotz des 0:1 – Rückstands ringsum sehr gut. Wenn gemeckert wurde, dann höchstens über eingefrorene Füße (von mir) oder kalte Ohren (von anderen) 🙂 Einen glücklichen Ausgleich hielt ich in der Situation durchaus noch für Möglich. Es kam leider anders, stattdessen das 0:2. Immer noch kein Beinbruch, sondern ein Ergebnis, mit dem die meisten um mich herum offenbar gut Leben konnten: Den Gesängen tat dies keinen Abbruch, während von Berliner Seite zwar laut aber unverständlich irgendetwas, was ich im besten Fall als Grunzlaute beschreiben kann herüberkam.

Auf dem Platz lief es ziemlich fair ab. Gelbe Karten gab es zunächst nur für die Herthaner, in der Regel für taktische Fouls. Erst in der 66sten Minute gab es die erste Karte für Sobota. Er wurde für den Einsatz frenetisch bejubelt.

Mit der Einwechslung von Fafa kam noch mal etwas Pfeffer in die Partie. Auch wenn niemand mehr mit einem Ausgleich rechnete: Ein Anschlusstreffer wäre schon was feines – und auch verdient – gewesen. Leider reichte es maximal für einen Lattentreffer.

 

Ich hab Bock aufs nächste Heimspiel 
Am Ende blieb es also beim 0:2. Vielleicht ist das sogar etwas gutes: Keine Kraft mehr an den Pokal verschwenden, aber den Schwung des guten Einsatzes mitnehmen: Vielleicht kann uns die Niederlage ja noch nach vorne bringen. Konsequenterweise wurde den „Verlierern“ am Ende applaudiert und auch YNWA wurde mit Inbrunst gesungen. Das man die eigene Mannschaft unterstützt, auch wenn sie verliert, hat die Herthaner dann wohl etwas irritiert, so dass sie zu einem „Scheiß St. Pauli“ anstimmten. Was aber lediglich dazu führte, dass wir mit Freude einstimmten und vereinzelt „Immer wieder Eisern Union“ angestimmt wurde.

Also: Verloren, mitten in der Nacht nach Hause. Und dennoch gut gelaunt. Ich habe überraschenderweise wieder Bock aufs nächste Heimspiel. Das hatte die letzten Spiele doch etwas gelitten.

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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