Du bist keine Schönheit, Bochum

Das war also das Fußballjahr 2016. Wie doof das Jahr an sich im allgemeinen und speziellen war, haben ja andere schon geschrieben. Da möchte ich nur ungern in Sachen St. Pauli einstimmen. Sicher: Das lief alles schon mal besser, aber es gibt auch Lichtblicke.

Aber zunächst einmal zum Spiel: Auf dem Weg zum Stadion bin ich von einer jungen Familie ernsthaft gefragt worden: „An welcher Station muss man denn für das St. Pauli-Spiel aussteigen?“ Ich konnte meine Erheiterung ein wenig verbergen und habe wahrheitsgemäß zwei Optionen angeboten: Einmal die „vorher noch einen Döner“ – Variante, oder eben die Offensichtliche. Nachdem ich bei letzterer ebenfalls ausgestiegen bin und – aufgrund der Tatsache, dass ich quasi gerade erst aus dem Bett gefallen bin – mit knurrendem Magen über den Domplatz stiefelte, war es nur noch eine halbe Stunde bis Anpfiff.

Klassisches Millerntorfrühstück
Vom Dom waren nur noch zwei Wohnanhänger übrig geblieben, die sich direkt vor der Gegengerade platziert hatten. Ansonsten waren nur die üblichen Bier-, Karten- und Übersteiger-Verticker zu sehen. Die Schlangen waren sehr lang vor den Eingängen, ich muss aber auch hinzufügen, dass ich selten so spät dran bin, sonst ist da immer weniger los. Es waren nur gerade zwei Grad, ein wesentlicher Grund, warum meine Fahrradfahrt mich nur bis zur nächsten U-Bahnstation, und nicht bis zum Stadion geführt hat.

Das Millerntorfrühstück in Form von Bratwurst und Bier schmeckte so lala, und so stiefelte ich quasi vollbepackt in meine Ecke. Die Stimmung war von Anfang an gut, und ausnahmsweise war auch die gegnerische Hymne mal wieder erträglich. Irgendwas von einem gewissen Gröhnemeyer oder so. Ich glaube, das Lied hieß „Currywurst“.

Die gegnerischen Fans wagten es ins Herz von Sankt Pauli zu trommeln, wurden aber gnadenlos niedergesungen. Ewald hatte vor allem auf der Bank viel frisches Blut, Spieler, die eher selten zum Einsatz kamen. Rasmussen, Litka und Rosin gehören sonst eher nicht so zur Stammelf. Und dann logischerweise noch Brodersen, der zeitweise vom dritten zum zweiten Torwart aufgestiegen ist. Auf dem Platz standen Buballa, Ryo und Hornschuh aufgrund von Verletzungen, bzw. Sperre von Anfang an auf dem Platz.

Die ganze Hinrunde nie die gleiche Elf. Rekord?
Damit wäre schon mal geklärt, dass wir in der ganzen Hinrunde nicht einmal die gleiche Elf auf dem Platz hatten. Ist das eigentlich Rekord?

Im Spiel war von Anfang an richtig Dampf drin. Die Stimmung war gut. Nach den eher nicht eingeplanten drei Punkten gegen Fürth, rechnete ich zwar nun nicht gerade mit drei Punkten, aber die Hoffnung war durchaus da. Bochum holte gleich von Anfang an die Äxte raus und holzte alles um, was nicht bei Drei hinter der Seitenlinie war. Die gegnerischen Fans waren in ihrer „Spielweise“ ähnlich kreativ. „Scheiß St. Pauli“ war schon nach zwei Minuten zu hören, nur kurz bevor Aziz die „Latte des Monats“ fabrizierte. Mit dem richtigen Riecher fing er einen Rückpass an den gegnerischen Torwart ab, und kickte den Ball mit der Hacke vom Rande des 16ers über den herausstürmenden Keeper. Nur eben leider nicht ins, sondern nur ans Tor.

In Minute sechs wurde dann zum ersten Mal ein Braun-Weißer Spieler abgeräumt. Miyaichi wurde unfair zu Fall gebracht, und Stiepermann kassierte dann im Nachgang Gelb, weil er – warum auch immer – den gefoulten anging.

Die goldene Alufolie hatte fast etwas Weihnachtliches
Nach 10 Minuten gab es einen sehr unnötigen Freistoß, bei dem siech Heerwagen zum ersten Mal richtig auszeichnen konnte. Der wäre ziemlich genau unten rechts ins Eck gegangen. Nur wenige Minuten später bekam Buballa beide Fäuste auf der gegnerischen Seite vom Torwart an den Kopf. Buballa lag dann erst einmal einige Sekunden bewusstlos auf dem Boden. Er wurde schnell auf die Seite gedreht und dann mit Halskrause, goldener Folie zugedeckt unter den „You’ll never walk alone“ vom Platz getragen. Das sah wirklich sehr, sehr übel aus. Wäre es nicht so tragisch: Die goldene Alufolie hatte fast schon was weihnachtliches. Die besten Wünsche auch von mir.

Positiv überrascht war ich, dass die Mannschaft das sofort wegsteckte und weiterhin mit Druck Angriff. Bei der nächsten Ecke für uns köpfte dann ein Bochumer den Ball ins aus, bekam dafür aber einen Abstoß. Fast noch in der gleichen Minute griff beim Schiri schon wieder die Trikotblindheit durch, denn auch der folgende Einwurf war für die falsche Mannschaft. In der Folge waren unsere Jungs nicht richtig sortiert und der erste und – Spoileralarm – einzige Schuss aus dem Spiel auf unser Tor landete im Netz. Ach nöö. Nicht schon wieder. Wir machen das Spiel, treffen das Tor nicht und kriegen bei der einzigen Chance des Gegners einen rein.

In der Folge veränderte sich das Spiel aber kaum. Wir blieben weiterhin mutig im Spiel und auch Bochum veränderte sein Spiel kaum. In Minute 26 lag dann der nächste von uns schwer verletzt auf dem Boden. Offensichtlich hatte der Gegenspieler Ryos Kopf offensichtlich mit einem Fußball verwechselt und voll durchgezogen. Zunächst gab es dafür unverständlicherweise nur eine gelbe Karte, aber nach Rücksprache mit dem Linienrichter, dann doch korrekterweise die rote Karte. Der folgende Freistoß führte dann zunächst zu einer Ecke und direkt im Anschluss auf einen Schuß über die Latte von Gonther.

Neue Rekorde im Zeitspiel
Es folgte Zielschießen. Jeder unserer Jungs durfte mal, wurde aber meist kurz vor Schluss noch abgeblockt. Blöderweise waren wir in Sachen Körpergröße deutlich unterlegen. Von nun an sollte sich das Spiel selten aus der Hälfte der Bochumer entfernen, mit neuen Rekorden in Sachen Zeitspiel des gegnerischen Keepers. Auf jeden Fall war mächtig Stimmung im Stadion. Bei einem Gegner, der sehr hart spielt und foult, wird eben auch auf den Rängen eine Menge Energie erzeugt. Dass die gegnerischen Fans der Meinung waren, es hätte noch nicht genug Kopfverletzungen gegeben und unsere Spieler bei jeder Ecke for ihrer Kurve mit Feuerzeugen beschmissen, feuerte uns noch weiter an. Was ist das eigentlich für eine Unart? Das ist mir beim letzten Spiel schon aufgefallen. Kann man die Spinner nicht mal rausschmeißen?

Am Ende der ersten Halbzeit gab es satte sechs Minuten Nachspielzeit, die Aufgrund der Unterbrechungen aber fast noch zu knapp bemessen waren. Leider reichte es aber trotz der langen Zeit nicht für den Ausgleich.

In der Halbzeitpause wurde von der Süd mit Transparenten gegen „Zivis im Viertel“ demonstriert. Zu meiner Zeit stand das ja noch für Zivildienstleistende, aber da ist wohl doch was anderes gemeint gewesen. Apropos Halbzeit: Endlich mal wieder wurden die „Antifa Hooligans“ komplett ausgespielt. Sehr gut zum Warmsingen.

In der zweiten Halbzeit merkte man schon sehr gut, wer hier mehr Spieler auf dem Platz hatte: Bochum beschränkte sich fast ausschließlich aufs hinten reinstellen und gelegentliche Konter. So richtig zwingendes sprang für uns aber auch nicht dabei heraus. Spätestens am 16er war Schluss; Hin und wieder standen wir uns dabei selbst im Weg. Und dann stand Aziz mal wieder genau da, wo man stehen sollte als Stürmer um den Fehler des gegnerischen Keepers auszunutzen. Bierdusche gabs ja schon lange nicht mehr. Und war eigentlich auch viel zu kalt. Störte mich aber jetzt nicht.

Wir können nach Rückstand doch punkten!
Das brachte noch mal richtig Schwung ins Spiel und auf die Tribüne. Während Bochum fleißig weiter gelbe Karten sammelte (mittlerweile 5), gelang es kaum noch unsere Spieler aus dem gegnerischen 16er rauszuhalten. Bochum versuchte offensichtlich nicht, wieder in Führung zu gehen, sondern war – nicht überraschend – mit dem einen Punkt mehr als zufrieden. Blieb also die Frage, ob wir es in der verbleibenden Viertelstunde noch schaffen würden das Spiel komplett zu drehen.

Die Antwort war leider: Nein. So blieb mir nur am Ende heute zum zweiten Mal YNWA zu singen und Spieler, sowie Trainer in die Weihnachtsferien zu verabschieden und inständig zu hoffen, dass das Personal am Anfang des nächsten Jahres noch das Gleiche ist.

Zeit also für ein Resumé für das Jahr 2016 aus St. Pauli – Sicht. Zum einen könnte man natürlich sagen: Was für ein Scheiß-Jahr. Und da gibt es Gründe für. Als erstes die schlimme Tabellenposition, zweitens die eben nun mal fehlende Qualität; Es war nicht einfach nur Pech, dass wir da unten stehen. Aber eben auch: Der Fußballgott war ein Arschloch dieses Jahr. #BildNotWelcome war hingegen ein positives Zeichen in diesem Jahr, die 180°-Wende im November aber nicht. Was ich komplett Positiv – ohne wenn und aber – empfinde ist die Tatsache, dass wir Chéwald noch auf der Trainerbank sitzen haben. Jeder andere Verein hätte da längst die typischen Automatismen durchgeführt. Beim Rautenverein vor den Toren der Stadt wären vermutlich längst fünf neue Trainer auf der Bank gesessen.

Ich finde es richtig, an Ewald Lienen festzuhalten. Er ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Die Spieler kämpfen, werden von ihm erreicht. Ich bin zwar recht pessimistisch, dass wir in der Winterpause die „Wunderspieler“ bekommen, die das Ruder herumreissen können, aber wenn nicht, dann wird auch das nicht am Trainer liegen. Und immerhin haben wir heute mal eine Statistik gebrochen, die man uns nicht mehr auf die Nase binden kann: Wir können seit heute tatsächlich nach einem Rückstand noch Punkten. \o/

Frohe Weihnachten und ein frohes neues, positives 2017 allerseits, egal was und wie ihr feiern wollt 🙂

 

 

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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