Tiefenentspannt

Traumwetter in Hamburg, viel Zeit zum Ausschlafen und Heimspiel am Millerntor. Besser kann ein Sonntag kaum sein. Gestern hatte ich erst mein Fahrrad geflickt, so dass ich das Fahrrad erst wieder zusammenbauen musste, bevor es los gehen sollte. Aber kein Stress. Früh genug los, dann kann man das Wetter auch bequem genießen ohne unnötig sportlich zu sein.

Ganz Hamburg schien das ungewöhnliche Wetter nutzen zu wollte, spätestens ab der Alster war alles voller Radfahrer und Spaziergänger. Ein Blick auf die Uhr zeigte: Da ist noch Zeit für ein Eis drinne. Also gab es einen kurzen Stopp bei „La Dolce Vita“ direkt an der Außenalster. Ein Mädchen vor mir bekam vier Kugeln Eis, mit Streuseln und Waffel und Sahne spendiert. Dauerte eine Weile, weil doch erst ausdiskutiert werden musste, ob schwarze oder bunte Streusel. Was tun Väter nicht alles, um die Tochter glücklich zu machen. Es sei ihr gegönnt, denn auch ich belohnte mich für die halbe Stunde Radfahrt mit einem leckeren Schokoladeneis. Ganz ohne Streusel oder Sahne. War trotzdem lecker.

Ist doch alles kaputt…
Weiter in Richtung St. Pauli durfte ich dann mal wieder die grandiose Radwegsplanung der Stadt Hamburg bestaunen. Gleich zweimal war der Radweg ohne Vorwarnung durch ein Absperrgitter wegen einer Baustelle dicht gemacht worden. Na. Wenigstens wars ja hell, da ist die Gefahr da einfach gegen zu donnern eher gering. Ich fand meine eigene Umleitung einmal querfeldein, einmal durch Ausweichen auf die dreispurige Straße kurz vorm Casino.

Eigentlich wäre beim Planten un Blomen ja die nächste Eisdiele gewesen, aber ich widerstand der Versuchung und fuhr schnurstracks weiter zum Heiligen-Geist-Feld, dass größtenteils abgesperrt und durchpflügt war. Vermutlich versucht die Stadt da schon mal zu zeigen, dass das auch echt nicht geht zum G20 hier zu demonstrieren, ist doch alles kaputt…

Der Vorteil der Absperrung war, dass ich mein Rad fast direkt vor der Gegengeraden am Absperrzaun festketten konnte. Kurze Wege sind was feines. Trotz Eispause war ich fast 90 Minuten vor Anpfiff mit der Viva und einem Bierchen auf der Gegengeraden. In T-Shirt und mit Basecap mit Ché drauf (dem echten, nicht Ewald). Gabs dieses Jahr noch nicht, dass ich so dünn bekleidet in herrlichem Sonnenschein auf das Spielfeld schauen konnte.

Hierbleiben!
Der letzte Spieltag ist ja oft ein Tag des Abschieds. Heute mussten wir uns von Lenny Thy verabschieden, der uns ehrlicherweise nicht übermässig helfen konnte diese Rückrunde. Sportlich deutlich schmerzhafter ist da schon der Rückgang von Mats Møller Dæhli zu seinem Arbeitgeber Freiburg. Der sympatische, quirlige Norweger hat unserem Spiel wirklich gut getan. Der größte Teil des Stadions skandierte „Hierbleiben!“ und zeigte, dass die meisten ähnlich dachten, wie ich. Als letzte Personalie beendete Rainer Wulff seine Zeit als Stadionsprechen am Millerntor, um nach eigenen Worten „dorthin zurückzukehren, wo er herkommt: Auf die Tribüne“. Immer gut gelaunt, nie übermäßig aufpeitschend, da wird was fehlen. Dagmar macht das aber auch ganz anständig 🙂 Mit einem angemessen YNWA wurde er dann auch konsequenterweise von uns verabschiedet.

Dann gab es eine echte Premiere: Eine kleine Choreo der „Rabauken“, den Lütten aus der Kita am Millerntor. Die Süd ließ sich natürlich auch nicht lumpen und zog ein großes Transparent mit den Vereinsfarben hoch, während die Gäste die schöne Sonne mit fies stinkenden grünen Wolken verdeckten. Konnte also los gehen.

Ein musikalisches Achselzucken
In der Tabelle ging es um nix mehr, was man auch an den Schiris sehen konnte: Komplette Neulinge hat man ausgesucht. Angesicht der Unwichtigkeit des Spiels ging es von Anfang an überraschend hart zur Sache. Der junge Schiedsrichter ließ relativ viel laufen. Auf beiden Seiten wurde verbissen gekämpft und es gab früh Strafraumszenen. In Minute 12 hatte Cenk eine schöne Chance, die er knapp neben das Tor schlenzte. In Summe hatten die Fürther aber die besseren Chancen. Nach 37 Minuten war es dann leider soweit: Der Ball lag im falschen Tor. Die akustische Reaktion war darauf ein „Ich liebe Dich, ich träum von Dir“, ein musikalisches Achselzucken: „Was solls. Macht nix“.

Fast sofort im Anschluss brach bei Fürth die Schwindsucht aus. Gefühlt bei jedem Zweikampf blieben die Fürther lange am Boden liegen. Zeitspiel kennt man ja, aber das war lächerlich, bereits in Halbzeit eins so offensichtlich Zeit zu schinden. Trotzdem hatten kurz vor der Pause Azziz und Sobota eine von diesen sogenannten 100%igen Chancen, die dann aber eben doch nicht reingehen.

Ob der HSV nächste Saison wohl vor Kiel steht?
Die Halbzeitpause diente dann vor allem dazu, sich möglichst entspannt die Sonne auf so viele Körperteile wie möglich brennen zu lassen. Das sonst übliche Fußball-Fachgesimpel fiel fast komplett aus. Es gab lediglich ein paar Überlegungen, ob nächste Saison der HSV wohl vor oder Hinter Kiel stehen würde. So entspannt war ich echt noch nie diese Saison. Zurückliegen in der Pause und keine Diskussionen? Keine „Wir steigen ab“ – Schwarzmaler? Fast unwirklich das Ganze.

Die zweite Halbzeit fing gleich sehr gut mit Druck von unserer Mannschaft an. Das war mächtig Dampf vor dem gegnerischen Tor. Ansonsten gab es aber viele Zweikämpfe im Mittelfeld. In Minute 60 hatten sich Buchtman und sein Gegenspieler verbal so lieb, dass schon der Vorschlag kam, vielleicht den Rasensprenger wieder anzuschalten, um die Gemüter zu beruhigen. Auf jeden Fall gab es für beide Gelb. Damit war Buchtmann ebenso wie Sahin gesperrt für das letzte Spiel der Saison. Wenige Minuten später gab es dann Slapstick. Während der gegnerische Spieler mal wieder am Boden lag, machten Sanitäter auffällig langsam auf den Weg. Einer der beiden ging nicht mal zum verletzten Spieler, sondern verteilte erst einmal Trinkflaschen an die anderen Spieler. Sanitäter Nummer zwei musste wohl gerade seinen Rollator vergessen haben. Wenn es einen Oscar für schauspielerische Leistungen beim Fußball gäbe: Der wäre verdient gewesen.

Zwanzig Minuten vor Schluss bekam Mats seinen verdienten Abschiedsapplaus und Thy nahm seinen Platz ein. Fast zeitgleich köpfte Lasse das Ding nach einer Ecke mustergültig ins Eck. Grandios! So wie in den besten Zeiten. Und absolut verdient.

Mit dem Zeitspiel war das bei den Fürthern dann logischerweise erst einmal vorbei. Mit der Freundschaft auch. Da war überraschend viel Aggression auf dem Platz. Das Spiel war nun klar in unserer Hand gegen weiterhin starke Fürther.

Grandiose Show
Kurz vor Schluss durfte dann Nehrig runter und wurde dann von Flum ersetzt. Spannendes gab es aber nur noch kurz vor Schluss. Ein Flitzer umarmte erst Heerwagen, rannte dann quer über den Platz um vor die Süd zu grätschen. Grandiose Show! Und sehr angenehm zu sehen, dass die Ordner dann ohne übertriebene Härte reagierten.

Und das wars dann für diese Saison. Die Mannschaft ließ sich völlig zu Recht für ein gutes Spiel und eine phantastische Rückrunde feiern. Nach der Winterpause hatte ich irgendwie kaum Bock auf Fußball, jetzt kann ichs irgendwie kaum erwarten, dass die Saison wieder los geht. Verrückte Fußballwelt: Das macht wieder derbe Spaß am Millerntor. Nur bitte nächste Saison mit etwas weniger Herzkasper, Ewald.

 

 

 

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.

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