Elf Ecken sollt ihr sein

So ganz einordnen kann ich die Saison noch nicht. Gute Ligaspiele auswärts, weniger gute zu Hause, eher miese im Pokal. Gut letzteres war erwartungsgemäß und ist ja auch teil unserer Hymne. Dennoch: Irgendwie scheint der Kader diese Saison ganz gut zu sein, so richtig brilliert haben wir also nix. Es ging also mit einem „Naja, mal schauen, wies wird“ zum Heimspiel gegen Heidenheim.

Es war überraschenderweise mal T-Shirt-Wetter, trocken, warm. Und Dom war auch noch, was mich zunächst zu einer Diskussion mit einem Schausteller brachte, weil ich mein Rad ja immer am Zaun abschließe, diesmal halt zwischen den Wagen durch. War aber nachher alles in Ordnung als klar war, dass ich eben nicht in seinen Garten pinkeln wollte. Die Schlange vor der Gegengeraden war 40 Minuten vor Anpfiff komischerweise quasi nicht existent. Keine Ahnung warum. Sonst war immer sehr langes Stehen angesagt.

Ob das so eine gute Idee ist?
Da mein Frühstück bisher lediglich aus einem Franzbrötchen bestanden hatte, begnügte ich mich mit einem Alster auf dem Weg zur Tribüne. Auf dem Weg dorthin gab es diesmal nicht nur die Viva, sondern auch einen Flyer von „Das ganze Stadion e.V.“. Im Wesentlichen die Jungs und Deerns, die schon öfters für schicke Choreos auf allen drei wichtigen Seiten gesorgt haben und das nun in einen Verein gießen wollen. Ob das so eine gute Idee ist? Das gibt unseren Innenlügenminister doch nur wieder einen Vorwand das zu verbieten…

Was die Choreo anging, fing das aber schon mal sehr anständig an: Massenweise Luftballons in unseren Vereinsfarben soweit man blicken konnte, dazu dann noch eine anständige Beschreibung der Blöcke (Nord, Süd, Gegen), damit ich Mutti jetzt auch mal zeigen kann, wo ich denn so stehe. Nach Hells Bells hörte man dann minutenlang, wie die ganzen Luftballons so nach und nach „entlüftet“ wurden. Das klang wie Silvester. Oder wenn der HSV mal ein Tor schießt. Das ist ja so selten, dass hier auch alle ausrasten und die Raketen gen Himmel schießen. Apropos: Die Buchstaben waren an langen Holzpflöcken befestigt. Wenn das mal nicht gefährliche Waffen und ein weitere Verbotsgrund sind.

Aber vergessen wir mal die leicht rechts angehauchte Politik von de Maizière und wenden uns dem leicht links angehauchten Verein am Millerntor zu: Lasse war weiterhin unpässlich und Avevor nahm erneut seinen Platz ein. Cenk war diesmal von Anfang an dabei. Auf Seiten des Gegners war ein alter Bekannter: Verhoek spielte von Anfang an. Erfahrungsgemäß sind gerade die Spieler, die bei uns irgendwie nicht so recht funktioniert haben ja gerne in der Lage ein Tor am Millerntor zu schießen, wenn sie für den Gegner spielen. Das machte mir etwas sorge, obwohl beim letzten Mal sein Eigentor uns ja geholfen hat.

Endlich kann ich mal was Fußballtaktisches schreiben
Heidenheim stand sehr defensiv mit zwei Viererreihen. Ha! Endlich kann ich sowas mal schreiben. Ich bin ja eigentlich Fußballtaktisch weder versiert noch interessiert. Scheiß auf die Taktik, Hauptsache wir kämpfen und machen die Buden. Aber diesmal war das halt sehr deutlich zu sehen. Und diese acht Gegenspieler stellten die diagonalen Passwege leider extrem gut zu.

In den ersten 15 Minuten war es ein ziemlich ausgeglichener Kick mit leichten Vorteilen bei uns, aber beileibe kein sehr attraktiver. Die Defensive auf beiden Seiten war sehr stabil, so dass es nicht wirklich zu spannenden Torraumszenen kam. Avevor machte seinen Job dabei sehr gut. Der köpfte so ziemlich alles raus,. was rauszuköpfen war. In der Vergangenheit war er auch mal ein Unsicherheitsfaktor (und das hatte ich auch für dieses Spiel befürchtet), aber das war alles sehr, sehr ordentlich. Zumindest in Halbzeit eins.

Heidenheim kämpfte mit sehr viel Einsatz, bedrängte den Ballführenden Spieler auch schon mal zu viert und investierte insgesamt sehr viel. Auf gut der guten Staffelung gab es wenig durchkommen und so flogen auch einige lange Bälle nach vorne, was eher wenig brachte, da wir da vorne eher Zwerge haben im Vergleich zu den Heidenheimer Abwehrspielern. Lediglich Aziz ragte da im wahrsten Sinne des Wortes etwas heraus. Aber die meisten Dinger wurden vom Gegner leicht entschärft. Dann wurde Heidenheim stärker und bestimmte das Spiel. Zum Glück blieb auch das relativ ereignislos. Das dachte wohl auch die Lütte, die einen Meter vor mir zunächst beim Papa auf dem Arm war und dann entschied zunächst runter zu wollen und im Anschluss eine kleine Besichtigungstour durchs Millerntor zu machen.  Zielstrebig ging sie mit kleinen aber entschiedenen Schritten in Richtung obere Ränge.

Völlig untypisch
Der Gegner hatte vor allem auf der rechten Seite sehr oft viel zu viel Platz. In Minute 22 kam es dann nach einer Ecke zu etwas Gestocher vor Himmelmann. Nur diesmal ging der Ball – völlig St. Pauli – untypisch – nicht über die Linie. Glück gehabt. Während wir dann versuchten ins gegnerische Tor zu kombinieren, war Heidenheim deutlich mutiger und Schnatterer riskierte zwei Fernschüsse, die aber beide deutlich am Tor vorbei gingen.

Die zweite wirklich kritische Szene kam nach einem Bock von Nehrig in Minute 32, als der Ball nach unserem Einwurf direkt beim Gegner landete, der dann auf den 16er zu lief. Glücklicherweise war der Gegner da erstens ungeschickt und zweitens hat Christopher Avevor da gut aufgepasst und die Situation noch mal bereinigt. So wirklich ansehnlich war das Ganze aber nicht und so konnte ich die Lütte durchaus verstehen, die dennoch kurz vor dem Halbzeitpfiff vom Vater wieder (überraschend weit oben) eingesammelt wurde.

Zur Halbzeit gabs dann mein zweites Frühstück oder Mittagessen in Form einer Bratwurst. Ich entwässerte dann das Bier und harrte der Dinge, die kommen mögen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir selbst nicht ganz schlüssig, ob ich mit einem Punkt zufrieden sein sollte, oder nicht. 0:2 Ecken stand es beim Anpfiff von Halbzeit zwei. Das sollte möglichst weniger werden, denn die langen Kerls waren – wie bereits erwähnt – in der falschen Mannschaft.

Das wurde mit Mats nicht gerade besser
Das wurde auch nicht unbedingt besser durch die Einwechslung von Mats Möller Daehli, aber Kopfballungeheuer ist ja auch nicht seine primäre Aufgabenbeschreibung. Die Qualität wurde dadurch deutlich besser, denn Allagui war bis dahin kaum zu sehen gewesen. Zunächst aber einmal gab es eine Schrecksekunde, denn Avevor war wohl noch nicht ganz wach, als er von Verhoek (wem sonst!) gejagt wurde und den Ball eher so mittelprächtig unter Druck zu Himmelmann kickte. Der bugsierte dann halb per Beinabwehr den Ball erst einmal aus der Gefahrenzone.

Überhaupt war Himmelmann richtig gut drauf. Mir fiel vor allem auf, dass er auch unter Druck sehr gut platzierte Flanken schoss. Eine Disziplin, bei der Tschauner nie so übermässig geglänzt hatte. Und: [SPOILERALARM] Auch Avevor blieb ab da weitgehend Fehlerfrei.

Es ging dann aber weiterhin blöderweise nur auf unser Tor vor der Nordtribüne. Gerade mal drei Minuten nach Wiederanpfiff stand ein Heidenheimer komplett frei im 16er. Auch wenn Himmelmann die Arme ausbreitete wie „Sehe ich doch klar, der geht vorbei“: Das war schweineeng. So eine Chance zu versemmeln schaffen doch sonst eigentlich meist eher wir.

Das war aber dann wohl der Weckruf, denn ab da pendelte die Dominanz wieder zu unserer Seite. Wir kombinierten oftmals bis zum 16er durch, vor allem Mats hatte einige sehr gute Kombinationen zu bieten, genauso wie Cenk auf der anderen Seite. Die beiden waren vom Gegner schwer einzufangen. Das änderte aber nichts daran, dass im gegnerischen 16er fast nie ein Abnehmer stand oder der Ball, wenn er hoch hereinkam schnell entsorgt wurde. Das brachte uns zwar einige Ecken, aber auch hier war ja wieder das Längenproblem.

Der Ball will einfach nicht rein
Ab Minute 60 fingen die Boys in Brown an schick zu tricksen. Sah zwar nett aus, aber irgendwie dem Spielstand nicht so wirklich angemessen. Zwei Minuten später musste Nehrig raus und Flum kam für ihn aufs Spielfeld. Eine seiner ersten Aktionen war direkt ein Torschuss. Nur eine Minute später nahm sich auch Sobota ein Herz. Die beiden Einwechslungen hatten dem Spiel sehr gut getan. Das ganze Spiel wurde dynamischer und die Spieler mutiger. Zwanzig Minuten vor Schluss gab es dann eine sehenswerte Flanke nach vorne zu Cenk, der allein auf den gegnerischen Kasten zulief. Blöderweise war der gegnerische Torwart da sehr aufmerksam und kratzte den Ball gerade noch am Rande des 16ers weg, bevor Cenk ihn erreichen konnte.

Es war jetzt eines dieser „Der Ball will einfach nicht rein“ – Spiele, immer mit der latenten Gefahr, dass der Gegner einen Konter ausspielt und wir nachher mit leeren Händen dastehen. Was mir in Halbzeit zwei vor allem Auffiel, dass nach Hinten deutlich besser gearbeitet wurde als noch in Halbzeit eins. Vor allem Cenk machte da ein ums andere Mal reichlich Meter um erfolgreich den Ball zurückzuholen.

Auch Buchtmann fasste sich nun ein Herz und schoss in Minute 75 und zwei Minuten später noch einmal aufs gegnerische Tor. Das erste Mal rettete der Keeper, beim zweiten Mal gab es eine Ecke. Nummer Acht mittlerweile. In der 83sten Minute gab es dann eine 100%ige Chance für uns. Mats hatte sich erneut gut auf der linken Seite durchgefummelt, flankte von der gegnerischen Torauslinie mustergültig Zentimetergenau auf Aziz. Der musste nur noch einnicken.

100%ige können wir einfach nicht
Aber wie das bei uns halt so ist: 100%ige können wir einfach nicht reinmachen. Wie eine Götze stand er da und ließ den Ball vom Kopf mehr abprallen als ihn rein zu köpfen. Der Ball flog über das gegnerische Tor und das Stadion (vor allem wohl Aziz selbst) war fassungslos. Dabei war Aziz in der letzten Saison der Arschretter, der eigentlich immer goldrichtig stand, wenn es drauf ankam. Na. Zwei Wochen zum Üben bleibt ja, dann klappt das schon wieder. Kurz darauf ließ ich mich zu der Aussage hinreißen: „Das machen die Absicht. Die wissen genau, dass die immer abbauen, sobald sie führen, deshalb machen dies diesmal so spät.“ Aber mit der Ergänzung: „Aber so allmählich dürften sie mal reinschießen“.

Es dauerte dann aber noch kanppe 10 Minuten bis zur letzten der gerade mal zwei Minuten Nachspielzeit. Ecke Nummer 11 (nach 0 in Halbzeit 1) landete im Pingpong unter anderem über Verhoek direkt vor die Füße von Flum. Der schob den Ball dann mal eben kurz über die Linie. Es sah so aus, als wüsste er selber nicht so ganz, was da geschehen war und als ob er den nächstbesten umarmen wollte, was dummerweise der gegnerische Keeper war.

Er besann sich glücklicherweise doch eines besseren und rannte erst einmal ein paar Schritte neben das Tor um die Süd anzubrüllen. Von mir gab ungläubiges Staunen, lachen feiern, WHOOHOOO! schreien und so kleine Viecher namens Endorphine. Mitten ins Feiern kam dann auch direkt der Abschlusspfiff.

Und so will ich auch gar nicht mehr meckern, dass der Schiri teilweise kleinlich gepfiffen hat. Der letzte Pfiff hats wieder gut gemacht. Ich hatte auf dem Rückweg dann eine kleine Unterhaltung mit einem Polizisten, der mich nicht in den abgesperrten Bereich lassen wollte (wo mein Fahrrad stand). Ausgerechnet mein Argument „Du, ich bin ein total netter Kerl“ hatte ihn da überraschenderweise überzeugen können. Und so bin ich immer noch Freudetrunken mit vielen anderen Fans in Braun-Weiß mit dem Rad über den Dom geschoben und hatte meine Stimme erst am nächsten Tag so richtig wieder.

Normal gibt’s nicht am Millerntor. Dramedy nennt man das wohl in TV-Kreisen. Heulen oder Lachen. Was anderes läuft bei uns nicht. Und ausgerechnet jetzt kommt die Länderspielpause. Ist aber vielleicht auch besser fürs Herz.

 

Der Trainer war eigentlich schon immer am Millerntor. Meist auf der Gegengeraden knapp vor der Nordtribüne.